Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Januar

Steinstücken: Das Absurde der Situation wird mit jedem Schritt deutlich. Als Journalist kommt man nur mit dem Hubschrauber hin, mit besonderer Genehmigung der amerikanischen Militärmission und nach Abgabe der Versicherung, man werde bei Unglücksfällen keine Ansprüche an die US-Army stellen. Der Flug geht über vorstädtisches Villengelände, über Kleingärten, Wald und über das, was die DDR "moderne Grenze" nennt: breite Sandstreifen, Zäune, Mauern und Wachttürme.

In Steinstücken hat man immer das Gefühl, aus einem Feldstecher beobachtet zu werden. Auf den 126 727 Quadratmetern der West-Berliner Exklave gibt es kaum einen Flecken, an dem man nicht Stacheldraht und eine drei Meter hohe Mauer vor Augen hat. Dahinter planiertes Gelände, runde Zementschäfte mit achteckigen Postenhäuschen obenauf, und Zäune. Motorradstreifen umkreisen die Ortschaft, Hunde hasten unruhig hin und her; ihre Ketten schleifen an Laufdrähten und machen ein sirrendes Geräusch. Schilder mahnen: "Kein Durchgang nach West-Berlin" und "20 km im Ortsteil Steinstücken".

Vor der Dependence des Bezirksamtes Zehlendorf ein Schaukasten mit vielen Hinweisen: Auf dem Weg zur Exklave darf nicht schneller als 30 km gefahren werden. Die amerikanische Berlin-Brigade hat zur Weihnachtsfeier eingeladen. Eine Liste enthält die Namen der Ärzte und Krankentransporter, die Zugang nach Steinstücken haben. Daneben hängt ein Brief des Regierenden Bürgermeisters an den Steinstückener Bürger Hans-Wolfgang Richter, in dem sich Schütz gegen "törichtes Gerede" über einen Austausch der Exklave wendet und versichert, der Senat von Berlin habe niemals erwogen, Steinstücken in den Gebietsaustausch mit der DDR einzubringen.

Das angeblich "törichte Gerede" kam vom CDU-Abgeordneten Lummer, und der Brief von Schütz dementiert nicht, daß die DDR in den Verhandlungen mit dem Senat verlangt hat, Steinstücken gegen ein zur DDR gehöriges Gebiet nördlich des Glienicker Sees einzutauschen. Der Grenzbegradigung hätte dies sicher gedient, aber niemand wollte den 180 Einwohnern der Exklave zumuten, ihre Häuser und Grundstücke aufzugeben, in denen sie trotz vieler Widrigkeiten und mancher Bedrohung ausgehalten haben. Vor zwanzig Jahren wurde dieses Gebiet sogar einige Tage lang von Volkspolizei besetzt und von der DDR als "eingemeindet" in den Bezirk Potsdam erklärt. Die Amerikaner waren es damals, die auf der Zugehörigkeit der Exklave zu West-Berlin bestanden und für die Stationierung von US-Militärpolizei in Steinstücken sorgte.

Seitdem ist die Ortschaft auf dem Landweg nur noch für ihre Bewohner oder mit besonderer Genehmigung zu erreichen. Und als nach dem Bau der Mauer im August 1961 Fluchtversuche über Steinstücken gelangen, wurden auch die rund 40 Häuser von Steinstücken eingemauert. Das DDR-Gebiet reicht bis an die Zäune der meisten Grundstücke heran, aber die Maurer und Drahtzieher der DDR ließen wenigstens soviel Platz, daß der Zugang noch möglich ist.