In den Beziehungen zwischen Indien und Pakistan gab es zu Jahresbeginn erste Anzeichen einer Normalisierung. Die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi und der pakistanische Staatspräsident Zulfikar Bhutto erklärten sich zu direkten Gesprächen bereit. Außerdem kündigte Bhutto am Montag die bedingungslose Freilassung des im März des vergangenen Jahres bei Ausbruch der offenen Feindseligkeiten zwischen West- und Ostpakistan verhafteten Führers der Awami-Liga, Scheich Mujibur Rahman, an. Ob und wann Scheich Mujibur Westpakistan verlassen wird, war zu Beginn dieser Woche noch nicht bekannt.

Indira Gandhi hat ihre Bereitschaft, mit Bhutto zusammenzutreffen, davon abhängig gemacht, daß sich die politische Situation in Pakistan stabilisiert. Sie ließ keinen Zweifel daran, daß Bangla Desh für Indien nicht mehr ein Teil Westpakistans, sondern ein eigener Staat sei.

Bhutto dagegen versucht, die Einheit West- und Ostpakistans wiederherzustellen, auch wenn er dabei – zumindest vorläufig – eine größtmögliche Autonomie Ostpakistans zulassen müßte. Bhutto verhandelte in der vergangenen Woche mehrfach mit Scheich Mujibur über das zukünftige Verhältnis zwischen Ost- und Westpakistan. Aus Rawalpindi verlautete, Bhutto habe dem Scheich eine lose Föderation zwischen West- und Ostpakistan vorgeschlagen.

Gleichzeitig versucht Bhutto, durch politische Reformen Westpakistan das schlechte Image einer Militärdiktatur zu nehmen und seine eigene Stellung zu festigen. Er versprach die Wiederherstellung der Demokratie, entmachtete seinen Vorgänger Yahya Khan und dessen Junta, setzte alle Admirale sowie zahlreiche Offiziere und höhere Beamte ab, verpflichtete die Staatsbediensteten zu schnellerer Arbeit und verzichtete auf ein Gehalt. Am Sonntag verkündete er, daß die Eisen- und Stahlindustrie, Montage- und Vertriebsfirmen für Kraftfahrzeuge und der Schwermaschinenbau ab sofort "unter der Kontrolle und Leitung des Volkes" stehen. Die Einberufung einer Nationalversammlung lehnte er aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit der Begründung ab, dadurch werde die Spaltung Pakistans noch vertieft.

Die führenden Politiker von Bangla Desh bemühen sich unterdessen, ihren Staat so schnell wie möglich zu konstituieren und aktionsfähig zu machen. Die Zeit drängt, denn zum einen möchten die Ostbengalen die Welt möglichst bald vor vollendete politische Tatsachen stellen; zum anderen muß mit dem sozialen Wiederaufbau des Landes begonnen werden, in das jetzt die ersten während der Ockupation nach Indien geflohenen Bengalen zurückströmen.

Amerikanische Hilfsorganisationen in Kalkutta schätzten allerdings am Wochenende, daß fast die Hälfte der rund zehn Millionen Flüchtlinge in Indien bleiben möchte. Sie verwiesen darauf, daß Indien ein Hindu-Land ist und 80 Prozent der Flüchtlinge Hindus sind. In Bangla Desh dagegen gehört die große Mehrheit dem islamischen Glauben an.

Bangla Desh wird derzeit geführt von dem amtierenden Präsidenten Nazul Islam und Ministerpräsident Tajuddin Ahmed. Dem Land, das bisher nur von Indien und Bhutan anerkannt worden ist, wird jedoch auch von der Sowjetunion und anderen Ländern des Ostblocks großes Wohlwollen entgegengebracht. Moskau soll, wie am Wochenende aus Dacca verlautete, Bangla Desh einen Handelsvertrag vorgeschlagen haben. Polen, die ČSSR und Bulgarien sollen sich diesem Vorschlag angeschlossen haben.

Harte Kritik übte die Regierung von Bangla Desh wie zuvor auch schon die indische Ministerpräsidentin an Rotchina und den Vereinigten Staaten. Beide Staaten wird vorgeworfen, sie versuchten den Konflikt auf dem indischen Subkontinent allein für den eigenen Profit zu nutzen.