Von Rolf von der Laage

Nicht erst seit der Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen am Montag, dem 25. Oktober 1971, laufen Spekulationen darüber um, wann, wie und in welchem Umfang sich die Volksrepublik China, auch wieder am organisierten internationalen Sportverkehr beteiligen wird. 1956 hatte sie aus Protest gegen die Teilnahme der „Republik China“ (oder Taiwan oder Formosa) an den Melbourner Olympischen Spielen das Internationale Olym-– pische Komitee (IOC) verlassen, in den folgenden Jahren nacheinander auch alle internationalen Sportorganisationen bis auf den Tischtennis-Verband, in dem Taiwan nicht vertreten war und ist, und seit Beginn der Kulturrevolution 1966 hatte sie auch den freien Sportverkehr mit den befreundeten Ländern eingestellt.

Der letzte Auftritt chinesischer Sportler, aus der Volksrepublik (VR) vollzog sich anläßlich der zweiten (Asien-)GANEFO (Games of New Emerging Forces, Spiele der neuaufstrebenden Kräfte) im November 1966 in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Nachdem Indonesien unter Sukarno im Jahre 1963 die ersten Welt-GANEFO veranstaltet hatte – eine Reaktion auf die Disziplinierung Indonesiens durch das IOC (auf Grund der Vorkommnisse bei den vierten Asien-Spielen 1962 in Djakarta, zu denen entgegen dem Reglement Indonesien Taiwan und Israel nicht eingeladen hatte) –, war das indochinesische Königreich Kambodscha unter Sihanouk Gastgeber für das Großsportfest, an dem vor allem Verbände und Athleten teilnahmen, die nicht dem IOC angehörten. Die dritten GANEFO indes, für 1969 in Peking geplant, wurden Opfer der Kulturrevolution in der VR China. Das im November 1971 als erstes großes internationales Sportereignis in der VR China beendete Tischtennis-Freundschaftsturnier mit mehr als 300 Spielern und Spielerinnen aus fünfzig afroasiatischen Ländern präsentierte sich als erster Ersatz für diese dritten GANEFO und als neuer Ansatzpunkt für einen internationalen Sportverkehr Chinas mit der übrigen Welt.

Im Juni 1970 war das Himalaja-Königreich Nepal Gastgeber für die ersten chinesischen Sportler gewesen, die nach etwa vier Jahren Zwangspause wieder zu Tischtennisspielen außerhalb ihrer Landesgrenzen antraten.

Mit Beginn des Jahres 1971 wurde der bilaterale Sportverkehr auf Turnen, Leichtathletik und Badminton, Fußball, Volleyball und Basketball erweitert. Nach etwa einem Jahr, nach der wieder überaus erfolgreichen Teilnahme der Spieler und Spielerinnen der VR China an den Tischtennis-Weltmeisterschaften in Japan und dem spektakulären Besuch der USA-Tischtennisspieler in Peking, nach dem Turnier der afroasiatischen Tischtennismannschaften und den bilateralen Besuchen Sportler anderer Sparten stellt sich heute eigentlich nicht mehr die Frage, mit wem die VR China wieder Sportkontakte pflegt.

In diesem Zusammenhang ist von besonderem Interesse, daß die volkschinesischen Sportler in Zukunft auch Länder besuchen werden, mit denen keine diplomatischen Beziehungen bestehen (wie zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland), daß in Peking die Vorbereitungen für ein lateinamerikanisch-afroasiatisches Tischtennisturnier auf vollen Touren laufen und daß sich die VR China, am Anfang des nächsten Jahres mit einer Mannschaft in der Gruppe 3 an der Eishockey-Weltmeisterschaft in Rumänien beteiligen wird. War man in den ersten Monaten nach der Kulturrevolution mehr oder weniger auf Vermutungen über die Sportaktivitäten in der VR China angewiesen, so gelangen nun durch die China besuchenden Sportdelegationen mehr und mehr Informationen über den Sport in der VR an die Öffentlichkeit. Augenfälligste Übereinstimmung in den Aussagen gibt es über einen entscheidenden Punkt: die Motivation der sportlichen Leistung. Hier hat sich – sicherlich nicht zuletzt auch durch die Zielsetzung der Kulturrevolution – ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Die Kriterien sind im Sport der VR China, in dem die Leistung weiterhin bejaht wird, nicht mehr der Wettkampf gegeneinander, der Sieg über den Gegner, sondern die gemeinsame Ausübung des Sportes in exhibitions, Vorführungen, die – zum Beispiel in der Leichtathletik – gleichwohl in Kongruenz mit den internationalen Regeln ausgetragen werden. Das Publikum ist dabei in das Sportlerkollektiv miteinbezogen, indem ihm von den Sportlern vorgeführt wird, was durch regelmäßiges Training dem Körper an Geschicklichkeit und Leistung abgefordert werden kann und indem es zur Nachahmung aufgefordert wird.

In der VR China werden heute zwar alle erdenklichen Sportarten betrieben, besonderer Unterstützung aber können sich die Grundsport- und -Spielarten erfreuen: Leichtathletik, Turnen, Schwimmen und Tischtennis, Badminton, Fußball, Volleyball und Basketball sowie die Kampfsportarten Judo, Jiu-Jitsu, Karate, Fechten und Stockfechten. Eine dreizehn Personen umfassende japanische Sportdelegation, die im September und Oktober 1971 für drei Wochen den Volkssport in der VR China beobachtete und der unter Leitung des ehemaligen Rekordschwimmers Ishio Hashizume und des mehrfachen Olympia-Goldmedaillen-Gewinners und Weltmeisters im Turnen, Takashi Ono, Vertreter des Schwimmsports, der Leichtathletik und des Turnens angehörten, berichtete, daß heute etwa 70 Prozent der Volkschinesen schwimmen können und die Bevölkerung zum Beispiel im Turnen eine erstaunliche Geschicklichkeit beweist, wobei es ganz natürlich ist, daß die meisten Männer den dreifachen „Summersalt“ und die Frauen den zweifachen beherrschen.

Eine derart breite Basis läßt natürlich auch überdurchschnittliches Leistungsvermögen der Besten zu. Den Beweis, daß die Sportler der VR China trotz der – Jahre in der Isolation gegenüber der übrigen Welt nicht entscheidend in Leistungsrückstand gerieten, erbrachte das Auftreten der chinesischen Tischtennisspieler bei mehreren Anlässen in den verschiedenen Ländern, und seit dem Besuch der pakistanischen Leichtathleten in Peking, Schanghai und Kanton weiß man auch, daß zumindest in dieser absolut meßbaren Sportart die Leistungen nicht stagnierten – was durch acht Landesrekorde in den letzten zwölf Monaten dokumentiert wird – und daß alle Spekulationen beispielsweise um die Weltrekordleistung durch Ni Chi-chin mit 2,29 Meter im Hochsprung eben Spekulationen waren.

In der Begegnung mit den Sportlern anderer Länder zeigten die Athleten der VR China eine weitere bemerkenswerte Attitüde, die sich besonders während des afro-asiatischen Tischtennis-Freundschaftsturnier offenbarte: Die chinesischen Spieler und Spielerinnen gaben in jedem gewonnenen Spiel, gleich gegen welchen Spieler, einen Satz ab! „Freundschaft und Begegnung steht an erster Stelle, dann erst kommt die Leistung!“ hatte Chinas Premier Tschou En-lai als Losung für das Turnier ausgegeben.

Der Sportverkehr zwischen der VR China und der übrigen Welt ist vielfältig in Gang gekommen. Die Diplomaten der VR China nehmen die wiederhergestellten Rechte des Landes in der UNO und in ihrem Sicherheitsrat wahr. Wann werden die volkschinesischen Sportdiplomaten ihren Sitz im IOC wieder einnehmen? Welche Forderungen wird die VR China stellen, und welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden?

Da die VR China das IOC und die internationalen Fachverbände aus eigenem Entschluß verließ, ist es an ihr, die nächsten Schritte voran und damit zurück in die internationalen Organisationen zu tun. Hierbei ist die Reihenfolge fest vorgegeben, da eine (Wieder-)Aufnahme in das IOC nur möglich ist, wenn die VR China Mitglied von mindestens fünf internationalen Fachverbänden olympischer Sportarten sein und ein Nationales Olympisches Komitee gegründet haben wird. Die Abordnung der VR China nahm ihre Plätze in der UNO erst ein, als die nationalchinesischen Diplomaten sie geräumt hatten. Auf Grund der Regeln des IOC und der meisten internationalen Fachverbände erscheint zumindest im Augenblick eine „UNO-Situätion“ im Sport ausgeschlossen. IOC-Präsident Avery Brundage und einige Vertreter von Fachverbänden haben ihre Abneigung gegen ein „Entweder-Oder“ in der chinesischen Repräsentanz wiederholt deutlich gemacht.

Demgegenüber steht die (natürlich zunächst inoffizielle, lediglich vortastende) Forderung des Delegationsleiters der chinesischen Tischtennisspieler auf ihrer Europareise, Chung Sen-wu, auf Ausschluß Taiwans als Prämisse einer volkschinesischen Beteiligung am organisierten internationalen Sport. In der Politik waren es zunächst Albanien und andere Freunde der VR China, die für diese sprachen, die Anträge auf Wiederherstellung ihrer Rechte einbrachten. Im Sport scheint die VR China für sich selbst sprechen zu müssen, wie die Sitzung der FINA, des Internationalen Schwimm-Verbandes, Anfang November 1971 in Singapur offenkundig werden ließ: Japan hatte sich zum Fürsprecher der VR China gemacht; sein Antrag auf Wiederaufnahme der Volksrepublik wurde mit der Begründung abgewiesen, daß über einen derartigen Antrag erst verhandelt werden könne, wenn er von der VR China selbst gestellt worden sei.

Die Regeln des IOC und internationaler Fachverbände erkennen Regional-Organisationen nicht nur selbständiger Nationen, sondern auch von geographischen Einheiten und Provinzen an. Die international vertretenen Körperschaften Taiwans haben sich – im Gegensatz zur Politik – im Sport nie angemaßt, für alle Chinesen sprechen zu wollen. Diese beiden Fakten könnten die zeitliche Prozedur des internationalen Anschlusses der VR China – die in der Politik mehr als 25 Jahre dauerte – im Sport erheblich verkürzen. Aber man darf davon ausgehen, daß sich die VR China dennoch mit ihren Schritten Zeit nimmt, zumal sie offensichtlich keinen Prestigegewinn durch sportliche Leistungen sucht, der bis jetzt auch kaum möglich ist. Daß schon in München 1972 die Vertreter von 800 Millionen Chinesen antreten, scheint demnach nicht im Bereich der Realitäten zu liegen – so bedauerlich es für die Verwirklichung des olympischen Gedankens auch ist.