Was wird uns das Jahr 1972 bringen? Prognosen über die Entwicklung von Preisen, Löhnen und Gewinnen gibt es genug. Aber werden sie auch in Erfüllung gehen? Die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr mahnen zur Skepsis.

Die häufigen Fehlrechnungen selbst so gewiegter Experten wie der "Fünf Weisen" des Sachverständigenrates oder der Mitarbeiter der Konjunkturforschungsinstitute lassen den Verdacht aufkommen, daß die ökonomischen Eierköpfe bisher stets irgendeinen wichtigen Faktor übersehen haben müssen. In der Tat zeigt sich bei einer sorgfältigen Analyse des wahren Wirtschaftslebens, daß in allen Gutachten, Prognosen und Analysen zwar viel über Wachstum im allgemeinen und besonderen, Exportaussichten und andere nebensächliche Faktoren gesagt wird, selten oder nie etwas dagegen über die unternehmerische Bein-Problematik. Dabei, vollziehen sich gerade hier oft die erstaunlichsten Dinge.

Diese praxisferne Haltung der Wissenschaft ist um so unverständlicher und bedauerlicher, als die einschlägige Wirtschaftspresse ihrer Informationspflicht speziell auf diesem Gebiet mit größter Sorgfalt nachkommt. Kaum eine Woche, in der nicht in Schlagzeilen über die neueste Entwicklung berichtet wird. Ein paar Beispiele: Am 16. April des vergangenen Jahres meldete die renommierte Süddeutsche Zeitung: "Pschorr baut sich ein alkoholfreies zweites Bein." Demnach ruhte das Unternehmen bisher nur auf einem Bein, das zudem noch ständig unter Alkoholeinfluß steht. Und selbst mit zwei Beinen hat man es bekanntlich in diesem Zustand schon schwer genug. Daß ein nüchternes zweites Bein für eine solche Firma viel wichtiger ist als etwaige konjunkturelle Stützungsmaßnahmen der Regierung, leuchtet zwar unmittelbar ein, ist den Wirtschaftsforschern aber bis heute erstaunlicherweise noch gar nicht aufgegangen.

Eine ähnliche Bedeutung kommt mithin der von der gleichen Zeitung exklusiv verbreiteten Nachricht zu, "Oetker setzt ein Bein ins Limonadengeschäft". Leider wurde nicht mitgeteilt, ob es sich um das rechte oder linke handelte und ob der bekannte Industrielle dabei Beinkleider trug. Anzumerken wäre an dieser Stelle auch noch, daß es sich bei Rudolf August Oetker in diesem Fall wieder um eine besonders anerkennenswerte unternehmerische Leistung handelte. Bekanntlich hat der Großindustrielle bereits ein Bein im Pudding, ein weiteres im Bierfaß, mit einem dritten steht er auf den Planken seiner Hochseeschiffe. Hier wird verständlich, daß der kleine Mann angesichts solcher Unternehmerpersönlichkeiten voller Bewunderung fragt: "Wie macht der das bloß?" Jedermann wird deshalb diesem vielbeinigen Unternehmer wünschen, was die SZ in diesen Tagen erfreulicherweise aus einem anderen Sektor der Wirtschaft berichten konnte: "Warme Füße für Banken."

Die seriöse Wirtschaftspresse müht sich auch redlich, die von den Konjunkturinstituten unausgefüllte Prognoselücke zu schließen und den Blick auf kommende Beine zu richten. "Neues Bein für Sachtleben?" fragte beispielsweise das Handelsblatt ahnungsvoll. Nicht mitgeteilt wurde, ob es sich dabei um ein viertes oder fünftes Bein handelt. Doch offenbar hat die Redaktion aus diesem Fehler gelernt. Schon wenige Tage später meldete das Blatt in einem anderen Fall klar und deutlich: "Zur Wirtschaftsprüfung nahm sich Fides die Beratung als zweites Bein."

Damit ist natürlich noch nichts über die Qualität der Beine gesagt. Daß es da durchaus Unterschiede gibt, läßt sich leicht daraus entnehmen, daß das Handelsblatt es für wichtig hielt, seinen Lesern in einer fetten Überschrift kundzutun: "Van-Delden-Gruppe marschiert auf zwei gleich langen Beinen." Was diesem Textilkonzern gelungen ist, möchte eine Papierfabrik wohl auch erreichen, von der die Welt mitzuteilen wußte: "Zanders bastelt an neuem Bein." Man kann hier nur Erfolg wünschen, denn laut Welt will das Unternehmen "mit diesem neuen Bein ... auf Entwicklungsmärkten etablieren".

Wichtig ist natürlich immer, daß mit einem neuen Bein kein "ökologisches Eigengoal" (Neue Zürcher Zeitung) geschossen wird. Während in diesem Fall das dritte Bein zum Ärgernis würde, kann man sich nur freuen, daß die Esso über mehrere Beine verfügt. Denn das Unternehmen "will sich im Mineralöl freischwimmen", wie die Welt melden konnte.