Jacques (bevor er als Kind mit den Eltern von Köln nach Paris zog: Jakob) Offenbach: das ist für die meisten Menschen die zum Wunschkonzert verkommene "Barcarole", für ein paar mehr immerhin noch die dazugehörige Oper "Hoffmanns Erzählungen". Jacques Offenbach, das war für Richard Wagner, das prominenteste Kollegen-Opfer des genialen Parodisten, Musik, die den "Dunstkreis eines Misthaufens" verbreitet. Jacques Offenbach, das war für Karl Kraus das preußisch-französische Pendant zu Johann Nestroy, ein Name, den er mit Goethe und Shakespeare in eine Reihe stellte. Was er damit meinte, das weiß der, der einmal das Glück hatte, eine Offenbach-Inszenierung von Walter Felsenstein zu sehen (den "Ritter Blaubart" zum Beispiel), das hoffte zu lernen oder wieder zu erfahren, wer vom Plan der Hamburgischen Staatsoper hörte, zu Silvester "Orpheus in der Unterwelt" herauszubringen. Und wurde doch nur zum neuen Jahr um eine Nichterfahrung reicher.

Man hatte in Hamburg keine Kosten und jegliche Mühe gescheut, zum Beispiel die eines Konzeptes, das diese Kosten wert gewesen wäre (Regie, oder was man dafür halten sollte, Joachim Hess). Man hatte das Programm mit populären Namen gespickt (als "öffentliche Meinung" versuchte sich Liselotte Pulver, als Juno Inge Meysel) und mit guten Namen (Elisabeth Steiner sang die Eurydike, Toni Blankenheim den Jupiter); die im Weltraum-Design sich räkelnde Götterwelt trug Knautschlack-Look und leuchtete in allen Pop-Farben (Ausstattung Bernhard Daydé), und als die Ouvertüre erklang (musikalische Leitung Marek Janowski), da schien es noch so, als seien durch das hier vorgelegte Tempo und den musikalischen Witz die Weichen gestellt. Aber dann war alles nicht wahr, dann zerlief die Offenbachsche Parodie auf die Götter und Halbgötter aus Mythologie und Gegenwart in einen bunten Bilderbogen, dann hatte man, anstatt sich für die Aktualisierung der Couplets einen Mann wie Dieter Hildebrandt von der "Lach- und Schießgesellschaft" zu holen, selber ein paar Kalauer handgestrickt (Textübertragung und Neubearbeitung von Günther Fleckenstein und Joachim Hess), dann verkam alles zu jener Art von Operette, die Offenbach nicht gemeint und nicht gewollt hatte, und das Publikum bejubelte den flotten Schluß-Can-can.

Von Offenbachs "Reichen phantasiebelebender Unvernunft" und der "souveränen Planlosigkeit" seiner Operetten ist bei Kraus die Rede. Bis nach Hamburg war wohl nur das Wort von der Planlosigkeit gedrungen. Petra Kipphoff