ZDF, Mittwoch, 29. Dezember: "1971 – Die Fronten öffnen sich", eine Bilanz von Klaus Harpprecht

Alle Jahre wieder, zwischen den Jahren, kommt die beliebte Zeit der Polit-Revuen. Die politischen Ereignisse von Januar bis Dezember werden noch einmal überblickt, gewogen und geordnet, ehe sie abgelegt werden. Das Puzzle-Spiel ist gelungen, wenn der Moderator imstande ist, ein Koordinatensystem für das alte Jahr zu finden und sichtbar zu machen. Tagesschaubilder alleine genügen nicht, das System muß auch artikuliert werden, mit Präzision und Augenmaß. Klaus Harpprecht indessen, der für das ZDF auf das Jahr zurückschaute, zeigte sich seinen Zuschauern in der Rolle eines Hexenmeisters, der der dunklen Urgewalten, die er gerufen hatte, nicht mehr Herr wurde.

Wer, bitte, war Henry Kissinger, der Sicherheitsbeauftragte des amerikanischen Präsidenten? "Doktor Faustus Kissinger" heißt das für den gebildeten Deutschen. Und wie, bitte, zeigt sich Mao Tse-tung in Klaus Harpprechts Weltbild? Als "Gottkaiser Mao", als was auch sonst. Ein "teuflischer Plan" fürwahr, Klaus Harpprecht zum Conférencier im ZDF zu machen; "die Forderungen der Menschlichkeit", sie wurden damit nicht erfüllt. Schließlich war ja auch Walter Ulbricht, der "Kaderschmied der SED", der "bemerkenswerte Sohn Sachsens" mit im Spiel, und auch noch Egon Bahr, "ein melancholischer Schatten seines guten Willens". Sicher, "man kann den Verhandlungen das Wort befriedigend zubilligen, was immer das heißen mag", sogar "die Opposition versagt ihren Respekt nicht". Schließlich gab es auch noch die FDP, die sich "durch die Vitalität Außenminister Scheels profilieren" konnte, und wie gesagt: "Die offene Gesellschaft ist eine schwierige Lebensform." Es bedarf "der Offenheit, so unbequem sie auch sein mag".

Von der Harpprecht-Rückschau hatte der Zuschauer nicht viel. Allzu schnell ertrank er "zwischen den Fronten" in schöngeistigem Gegurgel. Nina Grunenberg