Biomedizin und Training" hieß ein von über 400 Teilnehmern aus dem In- und Ausland glänzend besuchter internationaler Kongreß des deutschen Leichtathletik-Verbandes vom 26. bis 28. November 1971 in Mainz. Die Aktualität der Thematik hatte viel nationale und internationale Prominenz in das Auditorium und vor allem an das Rednerpult geholt. Ein Kongreßbericht wird demnächst ausführlich Auskunft über die abgehandelten Themen geben.

Bezeichnend und fast als ein Ergebnis des Kongresses zu werten war der Appell eines Wissenschaftlers aus dem Auditorium am Ende der Veranstaltung, als er die Praktiker aufforderte, mehr als bisher auf das eigene Einfühlungsvermögen, auf die Empirie der Praxis zu vertrauen. Was war vorausgegangen?

Die zweifellos glückliche Konfrontation von Wissenschaftlern verschiedener Provenienz mit hochqualifizierten Trainern hatte mehr als einmal das Dilemma der Sportwissenschaftler offenbart: einseitiges, disziplinbezogenes Denken, vorwiegend in Laboratoriumssituationen gewonnene Erkenntnisse, so beweiskräftig sie für die jeweils untersuchten Versuchspersonen und Gruppen auch sein mögen, lassen sich nicht einfach eo ipso auf die reale Situation des Hochleistungssports übertragen. Der Vorwurf der Praktiker, die Hilfestellung von Wissenschaftlern erwarten und nur selten praxisrelevante Ergebnisse vorfinden, wurde von der in Frage gestellten Wissenschaft zurückgewiesen: Wie ist Zweckforschung möglich im Bereich des Hochleistungssports, wie lassen sich mehrdimensionale, experimentelle Zugriffe der Verhaltensbeobachtung in Realsituationen durchführen, wenn Probanden wie Uwe Beyer oder Heide Rosendahl in möglichst großer Zahl und über einen längeren Zeitraum für Forschungszwecke nicht zu haben sind? Wer läßt sich schon von diesen Spitzensportlern zu wissenschaftlichen Zwecken in eine Zwangsjacke von Bedingungen stecken?

So schwierig die methodischen Probleme praxisnaher und praxisrelevanter Forschungsvorhaben von Biomechanik, Sportmedizin und Sportpsychologie auch sein mögen, eine Aussage fand den ungeteilten Beifall aller: Der heutige Spitzensport führt den Menschen in den Grenzbereich seiner Leistungsfähigkeit. Diese zu erfassen, um Schäden zu vermeiden, erfordert interdisziplinäre Forschung und Zusammenarbeit. Sportliche Höchstleistungen, als Summe physischer und psychischer Faktoren verlangen die Überwindung isolierter Betrachtungsweisen.

Schade, daß dem Thema der Psychologie des Wettkampfes nur ein knapper halber Tag gewidmet werden konnte. Der Einsatz therapeutischer Mittel zur Regulierung (Steinbach: Manipulation) von Athleten scheint nur eine Frage der Zeit. Labile und übererregbare Sportler mit Relaxationsmethoden psychisch zu stabilisieren, ist der Wunschtraum eines jeden Coach. Die Antwort der Psychologie blieb in Mainz zunächst praxisfern.

Einig waren sich Praktiker und Wissenschaftler, daß eine entscheidende Leistungsgrenze im orthopädischen Bereich liegt. Die ständige Steigerung des Trainingsumfanges findet derzeit nur eine Einschränkung durch die funktionelle Belastungsfähigkeit des Bänder-, Sehnen- und Muskelapparates. Monotone Beanspruchung und die besondere Beschaffenheit äußerer Bedingungen (Kunststoffböden) führen in steigendem Maße zu ausgeprägten Veränderungen, an Stellen, die als loci minores resistentiae Aktiven, Trainern und Orthopäden hinlänglich bekannt sind. Prophylaktische und therapeutische Maßnahmen wurden zwar in einer Podiumsdiskussion (Schneider, Groh, Schoberth, Vorobjew, Kudu (UdSSR), Jonath, Oberbeck und Kolitzus als Dipl.-Ing.) erörtert, ohne daß dabei ein entscheidender Ausweg aus dem Dilemma aufgezeigt werden konnte.

Eine Kontroverse unter den Sportmedizinern entstand, als Mellerowicz eine quantitative Begrenzung des Trainings forderte, nachdem er in Versuchen an untrainierten, eineiigen Zwilligen den Vorteil eines kürzeren, aber intensiveren Trainings nachgewiesen hatte. Mellerowicz sah sich allein in dieser Auffassung. Keul und Groh wiesen auf die Problematik der Transformation von Laboratoriumsergebnissen auf den Hochleistungssport hin; die Praxis hat ohnehin Mellerowicz widerlegt.