Von Dietrich Strothmann

Zur Jahreswende haben die Gegner im Nahostkonflikt Bilanz gezogen. Und so unterschiedlich die Inventur auch ausfiel, das Endresultat war dasselbe: Ein neuer Krieg lohnt sich für keinen. Das fünfte Jahr der israelisch-arabischen Krise könnte denn ein friedliches Jahr werden. Vieles spricht jedenfalls dafür.

Ägypten, das in der nächsten Schlacht wiederum die Hauptlast zu tragen hätte, ist noch immer nicht stark genug, es mit Israel aufzunehmen. Präsident Sadat kalkuliert das Risiko einer Niederlage selbst in einem Abnutzungskrieg am Suezkanal realistischer ein als sein Vorgänger Nasser. Sinnvoll wäre für ihn ein Angriff nur, wenn die Syrer und Jordanier gleichzeitig zur Attacke bliesen und wenn ihm die Sowjets den Rücken deckten. Doch kann Sadat mit keiner dieser Möglichkeiten rechnen. Die Syrer bangen um Damaskus, das nur knapp 50 Kilometer von der israelischen Golanfront entfernt liegt. Nicht viel weiter ist es von den israelischen Stellungen am Jordan bis zur jordanischen Hauptstadt Amman. Die Sowjets schließlich gaben deutlich zu verstehen, sie würden nur im äußersten Notfall eingreifen – wenn Kairo oder der Assuan-Staudamm bedroht wären. Kein Wunder, daß Sadat das Jahr 1971, das er zum "Jahr der Entscheidung" erklärt hatte, verstreichen ließ, ohne einen Krieg vom Zaun zu brechen.

Israel, besser geschützt als je zuvor durch weit vorgeschobene Grenzlinien, hat sich weder durch Kairoer Drohungen noch von Washingtoner Pressionen ins Bockshorn jagen lassen. Es fiel nicht auf Sadats gelegentliche Herausforderungen herein und hütete sich, den ersten Schuß abzufeuern. Und es weigerte sich mit Erfolg, für zusätzliche Phantom-Bomber aus Amerika den Ägyptern weitreichende politische Zugeständnisse zu machen, wie sie der Rogers-Plan vorgesehen hatte. Noch in diesem Frühjahr wird Jerusalem die seit dem vergangenen Sommer angeforderten Maschinen erhalten; dazu gab Präsident Nixon jetzt sein Plazet.

Doch umsonst hat Washington sein Phantom-Embargo nicht gelockert. Ohne israelische Zusage, sich wieder aktiv an der Gesprächsrunde des UN-Vermittlers Jarring und an indirekten Verhandlungen unter Leitung des US-Staatssekretärs Sisco zu beteiligen, wäre der Lieferungsstopp nicht aufgehoben worden. Deshalb ist es wohl richtig, die Chancen einer friedlichen Nahostregelung – oder wenigstens eines ersten Schrittes dazu – Anfang 1972 höher zu veranschlagen als’seit geraumer Zeit.

Im Grundsatz scheinen sich Kairo und Jerusalem heute einig zu sein, am Kanal einen Anfang zu machen. Und Nixons Phantom-Zusage läßt den Schluß zu, daß Israel sich nicht länger dagegen sträubt, einige ägyptische Forderungen zu erfüllen. Dazu gehört der Rückzug der israelischen Truppen auf eine Linie rund 40 Kilometer vom Ostufer des Kanals, die Stationierung einer ägyptischen Symbolstreitmacht im geräumten Gebiet und die Errichtung einer Pufferzone zwischen den Fronten. Zu solch einem Arrangement ist der israelische Verteidigungsminister Dayan, von dem der ursprüngliche Interimsvorschlag stammt, von Anfang an bereit gewesen. Der Streit um Paragraphen und Garantien wird freilich auch in der Sisco-Runde noch viel Zeit kosten.

Mit noch längeren Fristen muß der Sonderbotschafter Jarring rechnen. Hier steckt der Teufel nicht nur im Detail, sondern schon im Grundsatz. Nicht alle Beteiligten sind bereit, die UN-Resolution zu erfüllen; bis heute weigern sich Syrien und der Irak, ihr überhaupt zuzustimmen. Zudem birgt Israels Politik manche Widersprüche. Einmal heißt es, Jerusalem sei willens, über alles zu verhandeln und keine Vorbedingungen zu stellen; dann wieder wird klipp und klar gesagt, wo Israel inzwischen Siedlungen aufgebaut habe – am Jordan-Westufer, auf den Golanhöhen, im Sinai –, werde es sich nicht zurückziehen, dementsprechend müßten auch Israels künftige Grenzen verlaufen.

Sollte es am Suezkanal zu einer Zwischenvereinbarung kommen, dann müßte Jerusalem deutlich zu erkennen geben, welchen Preis es für einen Frieden zu zahlen bereit ist. Vielleicht muß es dieses sogar schon tun, damit die Teilvereinbarung über den Rückzug vom Suezkanal zustande kommt. Wenn es wirklich Frieden geben soll im Nahen Osten, kann es nicht der Frieden der israelischen Maximalisten sein.