Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen.

Immanuel Kant

1972 – Jahr ohne Hoffnungen?

Einen Tiefstand wie seit zehn Jahren nicht mehr hat offenbar der Optimismus in der Bundesrepublik 1972 erreicht. Auf die vom Allensbacher Institut für Demoskopie alle Jahre wieder gestellte Frage "Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?" antworteten nur 44 Prozent eines repräsentativen Querschnitts der westdeutschen Bevölkerung hoffnungsvoll (1970: 54 %, 1969: 63 %, 1968: 65 % – 1961: 44 %). Wie sich in einer so düsteren Stimmung persönliche Frustrationen, geschäftliche Nöte, innenpolitische Bedenken, weltpolitische Sorgen und metaphysische Verzweiflung mischen – darüber sagt uns das Institut leider nichts.

Neue "Lupe" in Hamburg

Daß es noch etwas anderes gibt als die Öde kommerziellen Durchschnitts und die Traurigkeit bankrottgehender Kinos, nämlich ein konstant gutes Durchschnittsprogramm, das sich immer anzusehen lohnt, verdanken wir den "Lupe"-Kinos der Neuen Filmkunst Walter Kirchner. Die rund 140 Filme dieses Verleihs (Schwerpunkte: die französischen Klassiker und die Nouvelle Vague, Godard, Buñuel, Rocha und neue Filme, die zuerst im Fernsehen gezeigt wurden) sind ein unerschöpflicher Fundus, von dem ganze Studentengen’erationen eifrig gezehrt haben. Kirchner ist nun ins Schußfeld der neuen unabhängigen Spielstätten, der Bewegung Kommunales Kino und einiger Jungfilmer geraten – vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil er seit nunmehr zwanzig Jahren praktiziert hat, was diese Gruppen heute selber propagieren. Wenn die neuen Kinoformen florieren, werden sie der "Lupe"-Kette mehr verdanken, als sie im Augenblick wahrhaben wollen. Die Eröffnung der zehnten "Lupe" im Hamburger Unilever-Haus ist also durchaus Anlaß zu einem kleinen "Dankeschön" und für den Wunsch "viel Glück weiterhin".