Auf dem Pariser Flughafen Orly entstieg ein hochgewachsener, elegant gekleideter Herr von etwa 60 Jahren mit sonnengebräuntem Gesicht der Morgenmaschine aus Nizza. Als er die Ankunftshalle betrat, sprach ihn plötzlich ein langhaariger, bärtiger Jüngling in Gammlermontur und einfachen Holzsandalen an:

„Sind Sie nicht Herr Horten?“ Der Angesprochene war sichtlich überrascht. „Woher kennen Sie mich denn?“

„Ich habe Ihr Bild in den Illustrierten gesehen“, erwiderte der junge Mann, „kann ich mit Ihnen nicht einmal diskutieren?“ Der Globetrotter, ein deutscher Abiturient, steuerte, kaum daß sich sein Gegenüber zu einem kurzen Gespräch bereit erklärt hatte, ohne Umschweife auf den Kern der Dinge zu: „Sind Sie mit Ihrem Reichtum denn wirklich glücklich?“

Den Jüngling etwas geringschätzig musternd, entgegnete der soignierte Milliardär betont kühl; „Sogar sehr glücklich.“

Wie kein zweiter Unternehmer in der Bundesrepublik verkörpert Helmut Horten in seiner Person Glanz und Schwächen des deutschen Wirtschaftswunders. Wie er in 20 Jahren ein zehnteiliges Vermögen anhäufte, wie er sein Geld unter Ausnutzung der bestehenden Steuergesetze vor den Augen des machtlosen Fiskus in die Schweiz transferierte und wie er mit seiner 31 Jahre jüngeren Frau ein Leben in unverhülltem Luxus führt, beschäftigt die Phantasie von Millionen, Für die Prediger einer gerechteren Gesellschaftsordnung wurde der Warenhauskrösus, der nicht einmal die Zinsen seines Vermögens privat verbrauchen kann, der abwechselnd im Tessin, an der Côte d’Azur und am Wörthersee in eigenen Prunkvillen lebt und gleich mehrere Rolls-Royce-Limousinen in der Garage stehen hat, geradewegs zu einer negativen Symbolfigur.

Als der Schüler Helmut Horten vor mehr als vier Jahrzehnten seinen Eltern eröffnete, Warenhauskaufmann werden zu wollen, löste er damit helles Entsetzen aus. Leute aus „besseren“ Kreisen kauften damals nicht einmal in einem Warenhaus, erst recht sträubte sich ihre Phantasie gegen die Vorstellung, in einem Warenhaus hinter der Theke zu stehen und Strumpfhalter oder Unterhosen zu verkaufen. Und einem „besseren“ Hause entstammte der 1909 in Bonn geborene Helmut Horten. Sein Vater war Senatspräsident am Oberlandesgericht in Köln, ein Großvater Reichsgerichtsrat in Leipzig.