Von Klaus von Beyme

Klaus von Beyme ist Professor für wissenschaftliche Politik an der Universität Tübingen.

Die Lyrikerin Hilde Domin hat sich schon seit längerer Zeit auch theoretisch mit der sozialen und politischen Funktion von Gedichten befaßt, vor allem in dem Buch "Wozu Lyrik heute?" (1968), dem einige der wichtigsten Gedanken ihres Nachwortes zu dieser Anthologie politischer Gedichte der Nachkriegszeit entnommen sind –

"Nachkrieg und Unfrieden" – Gedichte als Index 1945-1970, herausgegeben von Hilde Domin; Luchterhand Verlag, Neuwied; 192 S., 7,80 DM.

Den Literaturwissenschaftler werden an einer solchen Anthologie andere Fragen interessieren als den Sozialwissenschaftler, zum Beispiel die Frage, ob ein repräsentativer Querschnitt durch die großen Namen der deutschen Nachkriegsliteratur auch ein adäquater Querschnitt durch die politische oder – wie Hilde Domin zu sagen vorzieht – "öffentliche" Lyrik ist.

Das verdienstvolle Bemühen der Herausgeberin, vor allem Werke anerkannter Lyriker zu sammeln, führt gelegentlich jedoch dazu, daß der politische Gehalt nur noch durch einen Kommentar zur Entstehungssituation und die dahinterliegenden Erfahrungen erkennbar wird. Die Herausgeberin ist sich ferner des Dilemmas bewußt, daß die politischen Gedichte nicht immer zu den besten der zu Wort gekommenen Autoren gehören. Sie verlangte "literarisches Niveau", und sprachlich kaum verarbeitete Deskription (wie das Gedicht von Kay Hoff über Heinrich Immel) oder die bloß bizarre definitorische Trouvaille wie die Wiedergabe eines ahnungslosen Brockhaus-Zitats über Notstand durch Arnfried Astel finden sich kaum in dieser Sammlung.

In diesen literaturwissenschaftlichen Fragen wird der Sozialwissenschaftler sich zurückhalten, aber schon angesichts der Entscheidung Agitprop-Lyrik und Texte politischer Chansons – von denen manche sprachliche Kunstwerke sind, obwohl sie nicht in renommierten Gedichtsammlungen wiederabgedruckt wurden – fühlt sich der Sozial Wissenschaftler herausgefordert, der neben dem "literarischen Niveau" auch den politischen Mobilisierungseffekt von Gedichten würdigen muß. Sollen alle die ausgeschlossen bleiben, die Adornos Wort, daß Lyrik nach Auschwitz nicht mehr möglich sei, ernster nahmen als der Schöpfer des Wortes und die Flucht in die Parteilichkeit antraten, ohne die Forderung so pedantisch auszulegen, wie sie nie gemeint war, und auf lyrische Ausdrucksformen gänzlich zu verzichten?