Ganze drei Wochen Vorbereitungszeit gaben die Verleger ihrer sechsköpfigen Redaktion. Dann erschien – ohne Nullnummer – die bunte Wochenzeitschrift „Herz Blatt“ mit einer Startauflage von 800 000 an den Kiosken. Doch das Blatt machte Geldgebern wie Lesern wenig Freude. Die hohe Auflage mußte auf 500 000 zurückgenommen werden. Doch höchstens 200 000 Exemplare, so ist bei Branchenkennern zu erfahren, fanden auch Käufer.

Letzte Woche kündigte die Düsseldorfer Druckerei Schwann ihren Hamburger Kunden den Vertrag auf – weil Rechnungen unbezahlt blieben. Die Forderungen der Druckerei belaufen sich nach Gerüchten in der „Herz Blatt“-Redaktion auf eine Million Mark. Das Blatt, so war Anfang der Woche im Hause am Hamburger Millerntor zu hören, wird „zunächst“ eingestellt.

Was „zunächst“ heißt, interpretierten betroffene Redakteure so: „Das wird nur nach außen mitgeteilt. Das ‚Herz Blatt‘ ist am Ende.“ Inzwischen interessiert sich die nun zwölfköpfige Redaktion wieder für den Stellenmarkt.

Die Schwierigkeiten des „Herz Blatt“ hatten sich schon vor dem Erscheinen der ersten Nummer abgezeichnet. Bereits Mitte November – die erste Ausgabe erschien am 25. November – war der Chefredakteur Miersch (der inzwischen wieder zur Bild-Zeitung zurückgegangen ist) abgelöst worden. Der neue Chef im „Herz Blatt“-Haus, Oscar Stammler, der Illustrierten-Erfahrungen von der „Revue“ und der „Bunte Illustrierte“ mitbrachte, konnte nur das „vorgefundene Konzept“ übernehmen.

„Das Blatt“, so Stammler, „war auf Rentner und Altersheime zugeschnitten.“ Seine Vorstellung, das Blatt für die „reife Generation“ auf die Altersgrenze von 40 herunterzusetzen, „bei der die Menschen auf der Höhe des Lebens – menschlich, gesellschaftlich und einkommensmäßig – stehen“, konnte er nicht mehr verwirklichen. „Dazu brauche ich Zeit bis März.“ „Wir haben nur Texte aufgekauft und umgeschrieben“, mäkelt auch der frühere Bild-Redakteur Hans-A. Piper. „Für so eine Zeitschrift muß man sich die Themen selbst stellen.“

Die ersten Nummern zeigten denn auch ein Sammelsurium von bunten Nachrichten und Serien: „Ricky der Rocker – Sind das noch unsere Kinder?“, persönliche Bekenntnisse bekannter und unbekannter Mitmenschen, wie Lilo Pulver, Marianne Koch oder Roy Black unter dem Titel „... daran hängt mein Herz“, einen Oswalt-Kolle-Bericht „Das Geheimnis der Ehe“ sowie ständige Rubriken wie „Herz Blatt“-Briefmarkentips, „Der Tierarzt rät“ und „Gärtner Wendelin“. Über vier Seiten mit Kleinanzeigen („Glücklich durch Herz Blatt Wunschanzeigen“) kam das 48 Seiten starke Blatt nicht hinaus.

Als Mitte Dezember der als Verleger zeichnende Hermann Ferdinand Arning – Rechtsanwalt und Landesvorsitzender der Hamburger Freien Demokraten – den „Herz Blatt“-Verlag verließ, wollten Gerüchte um interne Schwierigkeiten nicht mehr verstummen. Als dann der in der Branche bislang völlig unbekannte „beratende Betriebswirt“ (Eintragung im Telephonbuch) Johannes Stolze als neuer Geschäftsführer, Alleingesellschafter und Treuhänder des „Herz Blatt“-Verlages auftrat, fanden auch Gerüchte um die Identität der wahren Verleger, die seit Erscheinen des Blattes kursierten, neue Nahrung: Arning wie Stolze galten nur als Strohmänner.

Die Geldgeber, das bekundet inzwischen jeder befragte „Herz Blatt“-Angehörige, sind die St.-Paüli-Presse-Verleger Heinz Peter Feussner und Klaus Tietje. Die erfolggewohnten Hamburger Porno-Verleger („St. Pauli Anzeiger“, „Hamburger St. Pauli Illustrierte“) hatten auf schnellen Profit gesetzt – und waren schnell in die Pleite geraten.

Mit dem auf dem Porno-Markt bewährten Rezept, mit möglichst geringem personellen Einsatz möglichst schnell und viel Geld zu verdienen, einem eng umrissenen Markt (die ältere Generation) und dem bekannten Showmaster Peter Frankenfeld als Zugpferd glaubten Feussner und Tietje, schnell in den gut besetzten Markt für Wochenendblätter eindringen zu können.

Gerade darin sieht heute die „Herz Blatt“-Redaktion die wesentlichsten Fehler. Redakteur Piper: „Das Blatt wurde von zwei Leuten konzipiert, die keine Ahnung vom Illustrierten-Machen haben.“ Ungünstig erscheint dem Verlagsteam nun auch der Erscheinungstermin. Verlagsleiter Enno Schulte: „Wir hätten erst zum Frühjahr erscheinen dürfen. Im Herbst sind längst alle Anzeigen vergeben.“ Zudem wurde der Preis von 1,20 Mark pro Heft als zu teuer angesehen.

Selbst Herausgeber Peter Frankenfeld konnte die Masse der Leser nicht fürs „Herz Blatt“ gewinnen. Seine ständige Kolumne (Nummer 1: Warum mache ich Herz Blatt für Sie?) stammt nicht einmal von ihm selbst. Redakteur Piper: „Der hat keine einzige Zeile selbst geschrieben.“ Dennoch kassierte der Fernseh-Mann („Ich könnte mir ein Leben ohne Mikrophon und Kamera gar nicht vorstellen“) pro Ausgabe angeblich 10 000 Mark. Die Nachricht von der vorzeitigen Beendigung seines Gastspiels in der Presse überraschte ihn in Spanien.

St.-Pauli-Geschäftemacher Feussner und Tietje leugneten bis zuletzt ihre Vaterschaft an dem Blatt mit Gemüt. Noch an dem Tag, an dem das „Herz Blatt“ der Herztod ereilte, bluffte Tietje: „Ich möchte das Blatt in diesem Zustand nicht geschenkt haben.“ Möglicherweise wird die Vaterschaft gerichtlich geklärt: Geschäftsführer Stolze meldete Konkurs für das „Herz Blatt“ an.

Gunhild Freese