DIE ZEIT

Trommelfeuer mit Platzpatronen

Die Schlachtordnung liegt fest, das Feldgeschrei ist angestimmt. Diese Woche beginnt im Bundesrat die parlamentarische Behandlung der Ostverträge.

Krank vor Angst

Das Wesen unseres Kampfes ist der Kampf gegen die Angst, die seit Stalins Zeiten die Menschen gefangen hält, die sie noch immer nicht losgelassen hat und derzufolge das System zu existieren fortfährt.

Seelen-Sumser

Die Jugend hat es ihr angetan. Mit ihrem Deutschland-Magazin will die rechtskonservative Deutschland-Stiftung, ein reaktionärer Club gegen „sittliche und politische Anarchie“, den „Boden einer soldatischen Generation“ bereiten und die „gesunden Instinkte“ der deutschen Jungbürger mobilisieren.

Rückzieher

Unsere Wirtschaftsführer tun sich im Umgang mit der Bundesregierung – sie sagen: der „derzeitigen“ Regierung – schwer, denn das Kabinett Brandt/Scheel mißfällt ihnen.

Die Last der Unabhängigkeit

Der erste Nationalheld der neuen Nation ist heimgekehrt: Nach neunmonatigem Zwangsaufenthalt in Westpakistan wurde Scheich Mujibur Rahman mit überbordendem Jubel empfangen.

ZEITSPIEGEL

„Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und kann es keine Einheit geben. Das ist so sicher und so klar wie die Tatsache, daß der Regen zur Erde fällt und nicht zu den Wolken hinauffließt.

Strategie eines „liberalen Preußen“

Die Freien Demokraten brachen auf ihrem traditionellen Dreikönigstreffen mit der Tradition: Nicht der Parteivorsitzende hielt die programmatische Rede, sondern der Generalsekretär.

,,Unser Leben zählt nichts"

Der Fall macht Schlagzeilen, aber der Tote scheint darüber vergessen: Georg von Rauch, 24 Jahre alt, wurde am 4. Dezember 1971 gegen 17.

Trümmer und spitze Steine

Die Reisen Nixons nach Peking und Moskau sind Ausdruck einer Neuorientierung der amerikanischen Weltpolitik. Im eigenen Lager sollen die Bürden der Entlastung der USA neu verteilt, im gegnerischen Lager die miteinander hadernden Kräfte ausbalanciert werden; so will sich Washington dann als globaler Schiedsrichter einrichten.

Das Jahrzehnt Asiens hat begonnen

Wer noch immer nicht glaubt, daß die Nachkriegsepoche endgültig zu Ende gegangen ist und die neue Phase bereits begonnen hat, der sollte nach Asien reisen – dort würde ihm diese Erkenntnis sogleich zur unbestreitbaren Gewißheit.

Statistik der Unmenschlichkeit

Millionen sahen die „Pro-und-Contra“-Sendung zum Thema Berlin-Abkommen, sie hörten den herben Tadel des „Anklägers“: Bundeskanzler Willy Brandt habe in seiner Silvesteransprache zwar der Opfer des Zugunglücks bei Radevormwald gedacht, nicht aber der Toten an der Berliner Mauer.

Major ohne Takt

Man könne im Lager der Kritiker wieder von „vaterlandslosen Gesellen“ sprechen, hatte der Major der Bundeswehr Wolfram Freiherr von Strachwitz dem Kanzler und der SPD-Führung im Blick auf die Ostverträge attestiert.

Keine Alternative

Nicht als rettender Engel, wohl aber als eine Art deus ex machina hat sich Italiens Ex-Präsident, der Sozialdemokrat Sarragat, nach sieben Jahren wieder in die parteipolitische Arena begeben.

Allende in der Klemme

Die Lösung war demokratisch, elegant und schlitzohrig. Chiles sozialistischer Präsident Allende ernannte den gerade durch ein Mißtrauensvotum beurlaubten Innenminister José Toha zum Verteidigungsminister und übertrug dem bisherigen Verteidigungsminister Rios Valdivias das Innenministerium.

Honecker schießt quer

In Garmisch-Partenkirchen drehte sich der DDR-Skispringer Heinz Wosipiwo brüsk um, als ihm der Schirmherr des Neujahrsspringens, Rainer Barzel, zum vierten Platz gratulieren wollte.

Atlantischer Kurs

Eine knappe Bemerkung Pompidous zum Vietnam-Krieg, die in einem improvisierten Gespräch mit Journalisten fiel, hat eine schwere Attacke der Kommunistischen Partei gegen die Außenpolitik Frankreichs ausgelöst.

Neue Probleme für Israel: Exodus aus Rußland

Die Nahostpolitik der Sowjets gibt einem Rätsel auf: Die ägyptische Armee rüsten sie mit Raketen, Panzern und Jagdbombern aus; der israelischen Armee liefern sie Soldaten.

Häftlinge rufen um Hilfe: Verdummen im Knast

Ein Hilferuf erreichte die Redaktion. 26 Untersuchungsgefangene aus der Hamburger Jugendanstalt Vierlande/Neuengamme schrieben mit dem ungelenken Mut von Verzweifelten: „Neuengamme soll eine moderne Anstalt sein.

Bundesrat-Bilanz: Minderheit regiert

Im sozialliberalen Lager Nordrhein-Westfalens werden jetzt nicht nur die Bleistifte gespitzt, mit denen schwarz auf weiß der Ärger um das permanente Mißverhältnis der Sitzverteilung im Bundesrat zu beschreiben ist: Die Düsseldorfer Landesregierung vertritt 17 Millionen Einwohner in der Bonner Ländervertretung, hat dennoch aber nur fünf Mandate wie beispielsweise Bayern, dessen Einwohnerzahl zur Zeit mit 10,6 Millionen angegeben wird.

Bescheidenes Köln

Wer den unterentwickelten Sinn für Eigenwerbung der Stadt Köln kennt, muß am Fernsehapparat gestaunt haben. Als hätte das Verkehrsamt ihn inszeniert, rollte ein Bankraub filmgerecht über den Schirm: Am Fuße des soeben von Reisefachleuten als deutsche Touristenattraktion Nummer eins gepriesenen Doms schlurfte ein Räuber über eine praktisch angelegte Freilichtbühne, Zigarette in der einen, Maschinenpistole in der anderen Hand.

Mujib wieder in Dacca

Der Führer der ostbengalischen Awami-Liga, Scheich Mujibur Rahman, ist am Montag nach neuneinhalb Monaten Haft in Westpakistan nach Dacca zurückgekehrt und hat als designierter Staatspräsident die politische Führung der in seiner Abwesenheit proklamierten Volksrepublik Bangla Desh übernommen.

FDP demonstriert Einheit

Einigkeit demonstrierten die Freien Demokraten auf dem traditionellen Dreikönigstreffen der baden-württembergischen FDP. Nach den Flügelkämpfen und Partei abstritten konservativer Liberaler in den vergangenen Jahren stellte sich die FDP in Stuttgart als geschlossene Partei dar, die zwischen den großen Parteien CDU/CSU und SPD darüber wacht, daß die Bundesrepublik weder eine Provinz von „schwarzen Gartenzwergen“ noch von „roten Amtsschimmeln“ wird.

Oslos Beitritt offen

Der Beitritt Irlands und Norwegens in die Europäische Gemeinschaft ist noch nicht perfekt. In den Verhandlungen, die in der Nacht zum Dienstag in Brüssel stattfanden, konnten die letzten offenen Fragen nicht geklärt werden.

Krisenherde der Woche

In Laos mußten Regierungstruppen nach dem Verlust des Bolo/ens-Plateaus und der „Ebene der Toikrüge“ vor nachdrängenden nordvietnamesischen Truppen und Pathet-Lao-Verbänden weiter zurückweichen.

Städtetag: Arme Kommunen

Verzicht auf öffentliche Dienstleistungen und Reformen oder höhere Steuern – das ist nach den Worten des Präsidenten des Deutschen Städtetags, des Bremer Bürgermeisters Koschnick, die einzige Alternative angesichts der Finanzmisere in den Kommunen.

Dokumente der ZEIT

„Es gibt viele Arten, einen Dichter zu töten. Für Twardowskij wählten sie die Methode, ihm seine Schöpfung, seine Leidenschaft – seine Zeitschrift zu nehmen.

Über China nicht einig

Der amerikanische Präsident Richard Nixon und der japanische Regierungschef Eisaku Sato haben die schwere Vertrauenskrise zwischen beiden Ländern, die nach der überraschenden Ankündigung der Pekingreise Nixons ausgebrochen war und sich in der Währungskrise verschlimmert hatte, beigelegt.

Moskau droht mit Boykott

Die Sowjetunion und die Tschechoslowakei haben ihre Mitarbeit bei der Vorbereitung der für den Herbst in Stockholm geplanten UN-Konferenz über Umweltschutz eingestellt.

Vorschlag zur Abwiegelung

Ehe die Kontroverse zwischen Schriftstellerverband und „Spiegel“-Institut über die Frage, ob die „Worturheber“ zu den Ärmsten gehören oder insgesamt auch nicht schlechter dran sind als andere freie Berufe, zu einem Kraftakt um seiner selbst willen ausartet, bei dem jede Seite nur noch recht behalten will, hier noch schnell ein Vorschlag: nicht zum Verwischen von Gegensätzen, sondern zur Abwiegelung überschüssiger Emotionen.

Schreibende Unternehmer als Arbeiter

Dürfen, müssen und wie können schriftstellerische Arbeiten subventioniert werden? Wohlmeinende drängten zu der Antwort: Wenn es den Schriftstellern schlecht geht, dann sollten wir etwas für sie tun.

ZEITMOSAIK

Sein letztes Photobuch – „Köln 5 Uhr 30“ – bleibt sein letztes: Anfang voriger Woche wurde Chargesheimer, mit bürgerlichem Namen Carl-Heinz Hargesheimer, tot in seiner Wohnung aufgefunden.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Bernd Alois Zimmermann: „Concerto en forme de pas de trois“ / „Photoptosis“ / „Tratto II“; Siegfried Palm, Sinfonieorchester des Südwestfunks, Radio-Sinfonie-Orchester Berlin, Leitung: Hans Zender; Wergo 60 062, 21,– DM.

Beschreibung der Freiheit

Die Innenwelt einer Strafanstalt. Quälend unerbittliche Schwenks der Kamera über Wände, Gitter, Flure, Treppen, Eisentüren, Fenster.

Kunstkalender

Düsseldorf Bis zum 16. Januar, Kunsthalle (anschließend Kunstverein Hannover, Württembergischer Kunstverein Stuttgart und Museum des 20.

Das Elend der Städte

Profitopolis oder: Der Mensch braucht eine andere Stadt“, eine Ausstellung über den miserablen Zustand unserer Städte und über die Notwendigkeit, diesen Zustand zu ändern, damit der Mensch wieder menschenwürdig in seiner Stadt leben kann.

FILMTIPS

im Fernsehen: „Bis zum letzten Mann“ (USA 1948), von John Ford (ARD am 15. Januar). „Fort Apache“ wird man heute anders sehen als zu der Zeit, als es den „Little Big Man“ noch nicht gab.

KRITIK IN KÜRZE

„Viel Glück, Miß Wyckoff“, Roman von William Inge. Private Probleme zu Psychogrammcn zu verdichten und somit den an sich unwesentlichen Einzelfall zu profilieren: diese Stärke des routinierten Dramatikers William Inge („Come Back, Little Sheba“, „Picnic“, „Bus Stop“ kommt auch seinem ersten Roman zugute.

Entweder Klassiker oder ehrlich

Er ist Romanschriftsteller, Übersetzer aus dem Englischen, Literaturtiefenpsychologe, und er hat seit fünfzehn Jahren eine literarische Radio-Dozentur inne; er begreift sich als „Vor-Leser“ der Nation, als ein dem Schwund des historischen Bewußtseins entgegenarbeitender Retter großer literarischer Namen der Vergangenheit, als einer, der literarische Götter stürzt oder durch Nichtachtung straft und dafür seine Privatgottheiten aufrichtet.

Dostojewskijs Zarewitsch

Zunächst fällt eine eigentümliche Disproportion auf: Wassermanns Hauptwerke – neben dem „Fall Maurizius“ sind es vor allem „Caspar Häuser“ (1908), „Das Gänsemännchen“ (1915) und „Etzel Andergast“ (1931) – fanden zwar unzählige begeisterte Leser, doch nur sehr wenige Interpreten.

Zwischen Kunst und Kind

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Zinnfigur das dominierende Spielzeug im Kinderzimmer, vor allem die militärische Spezies; heute ist sie Sammelobjekt und Gegenstand liebevoller Beschreibung.

Gedichte der linken Mitte

Den Literaturwissenschaftler werden an einer solchen Anthologie andere Fragen interessieren als den Sozialwissenschaftler, zum Beispiel die Frage, ob ein repräsentativer Querschnitt durch die großen Namen der deutschen Nachkriegsliteratur auch ein adäquater Querschnitt durch die politische oder – wie Hilde Domin zu sagen vorzieht – „öffentliche“ Lyrik ist.

Fernsehen: Antiautoritäre Schüler

Was geschieht eigentlich, wenn repressionsfrei – aufgewachsene Kinder sich plötzlich in das Ordnungsschema einer Schule fügen müssen? Diese Frage besteht, seit 1967 Berliner Studenten die ersten Kinderläden einrichteten.

Gewissen dort – Gewissen hier

Im Sommer des Jahres 1968 drangen sieben Männer und zwei Frauen in ein amerikanisches Amtsgebäude ein, durchsuchten die Akten der Wehrpflichtigen, häuften die Einberufungspapiere in zwei Behälter und überschütteten die Dokumente mit Napalm.

Louis Malles „Herzflimmern“: Inzest, na schön

Von Jean Vigos „Zéro de conduite (1932) bis zu Truffauts „Les 400 coups“ oder „L’Enfant sauvage“ hat der französische Film einen pädagogischen Furor, dem hierzulande nichts entgegenzustellen ist.

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