Von Jean Vigos "Zéro de conduite (1932) bis zu Truffauts "Les 400 coups" oder "L’Enfant sauvage" hat der französische Film einen pädagogischen Furor, dem hierzulande nichts entgegenzustellen ist. Bei uns scheint man sich Jugendliche unter sechzehn nur noch als Objekte blödelnder Lümmelfilme oder antiautoritärer Erziehungsmethoden vorstellen zu können. Schon deshalb ist diese Filmkomödie über die Entwicklung des jungen Laurent von der Kindheit zur Jugend ein Glücksfall.

Auch in anderer Hinsicht. Alle charakteristischen Züge im Werk Louis Malles sind in "Herzflimmern" eine glückliche Symbiose eingegangen: die präzise Beobachtung der Reportagen und Dokumentationen ("Vive le Tour", "Calcutta"), unbeschwerte Komik ("Zazie", "Viva Maria"), die intensive Arbeit mit den Schauspielern und der kühle, fast semi-dokumentarische Charakter der Spielfilme (wie "Privatleben"), die erbarmungslose Diagnose des französischen Großbürgertums ("Das Irrlicht", "Die Liebenden") und schließlich die Zeichnung von Helden, die sich immer schwer tun mit ihrer sozialen Umgebung, die, sensibler und intelligenter als die anderen, auszubrechen versuchen.

In "Herzflimmern" prallen gleich zwei solche Figuren aufeinander, und da es Mutter und Sohn sind, ist der Inzest fast unvermeidlich. Er ist fünfzehn, sie fünfunddreißig. Das gediegene Haus ist geprägt von dem liberal-bourgeoisen Vater, einem Gynäkologen. Die zwei großen Söhne sind im rebellischen Alter, frühreif, rüde, selbstbewußt bis zur Arroganz, aber eben aus gutem Hause und literarisch versiert. Auch der Jüngste, Laurent (Benoit Fevreux), kennt sich aus, von Corneille über die "Geschichte der O" bis zu Camus: einer aus dem Geschlechte der Tadzio oder Törless.

Nur die Mutter ist ein Naturkind geblieben, ein absolut freier Mensch jenseits aller Moral und Konvention, hinreißend gespielt von Lea Massari. Sie tollt mit ihren Söhnen herum, singt, plappert unentwegt und verabredet sich direkt vor dem Haus mit ihrem Liebhaber.

Das ist die Konstellation, und es ist meisterhaft, wie Malle sie umreißt und ganz beiläufig Politik, Soziologie und Psychologie verfilmt; wie er die Zeit von 1954 skizziert, das Ende des Indochinakrieges, durch das das Selbstverständnis des französischen Bürgertums erheblich angeknackst wurde; wie er dieses großbürgerliche Milieu in Dijon oder in einem gepflegten Badeort ausmalt, in dem Laurent mit seiner Mutter sein Herz medizinisch heilen und auf anderer Ebene in neue, viel gefährlichere Schwingungen versetzen wird; wie er Laurents Entwicklung aufzeigt, seine Streiche, seine ersten tastenden sexuellen Erfahrungen, seine Nöte und Sehnsüchte; wie er am Ende auch die heikle Liebesszene so graziös und natürlich, so zart und leicht hinkriegt, daß man genau zwischen betroffenem Interpreten-Ernst und jener befreienden Heiterkeit steckt, in die im Schlußbild, als Laurent gleich von einer neuen Eroberung zurückkehrt, die ganze Familie ausbricht.

Warum nicht. Was ist schon passiert? Die Entmystifizierung eines Tabus, na schön. Aber auch ein Fall von Liebe, ganz unverkrampft und spontan und sensibel. Jeder sollte darüber lachen dürfen. Wolf Donner