Im Februar 1970 überfiel er mit zwei Freunden sowie zwei Mädchen den damaligen Quick-Mitarbeiter Horst Rieck. Sie schlugen den Journalisten nieder, weil sie sich von Rieck verraten und getäuscht glaubten: Wenige Wochen, nachdem sie Rieck gegen Honorar Informationen geliefert hatten, war in der Illustrierten ein Bericht erschienen, der sie nach ihrer Meinung als verantwortungslose Kriminelle verleumdete. Rauch wurde am Tatort festgenommen und saß bis April 1970 in Untersuchungshaft.

Aus dieser Zeit stammt jener 36seitige Rapport an Kunzelmann, der später bei der Verhaftung des Kommunarden gefunden wurde. Darin steht der Satz: "Humanismus müssen wir, muß ich einfach liquidieren in solchen Situationen." Jetzt sei er wieder so drin, daß er den Journalisten einfach umbringen möchte – dumme Aussagen, die ihm schadeten, die er bereute, von denen öffentlich abzurücken ihm jedoch ein falscher Stolz verbot.

Vom Mai bis Oktober 1970 genoß er Haftverschonung und wurde dann aus ihm nicht einsichtigen Gründen, auf die er mit Renitenz reagierte, wieder festgesetzt. Moabit und die dortigen Methoden des "verschärften Arrests" gaben dem unruhigen Geist den Rest. Im Juli 1971 flüchtete er aus der Hauptverhandlung im Fall Rieck: Als zwei Mitangeklagte aus der Haft entlassen wurden, ließ sich Rauch mit seinem Nebenmann, verwechseln – nach drei Tagen Prozeßdauer! – und verschwand. Bis zum 4. Dezember wurde er noch zweimal gesehen: in der U-Bahn und in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses.

"Wir sind Märtyrer"

In der Untersuchungshaft hatte sich Rauch als "Berufsrevolutionär" bezeichnet. Seine Briefe begann er mit der Losung: "Es lebe die Weltkommune." Vor Gericht gab er als Beruf "Bettler" an. An persönlichem Eigentum lag ihm nichts: Er teilte, was er besaß. Freunde aus der Schulzeit hielten ihm einmal vor, er wolle wie Michael Kohlhaas mit dem Kopf durch die Wand. Aber diesen Vergleich wies er empört zurück: Kohlhaas sei der typische Kleinbürger, der nur um sein Eigentum – also für Ungerechtigkeit – kämpfe und deshalb zu Recht untergehe. "Wir sind Märtyrer, unser Leben zählt nichts, die Gerechtigkeit alles."

Daß seine Gerechtigkeit ungerecht sein mußte, weil sie Gewalt in Kauf nahm, leugnete er. Die Toleranz, die er in seinem Elternhaus erfuhr und die er dort stets dankbar anerkannte, verwarf er als Mittel der Repression: "Wir müssen doch endlich zugeben, daß diese Welt nur von Gewalt und Macht beherrscht wird. Zerstört die Gewaltigen und Mächtigen, und ihr werdet frei sein."

War dieser Tod Georg von Rauchs eigener Tod – das ihm vom Schicksal zugemessene Ende? Oder ist dieses Ende typisch für einen jungen, hochgespannten, empfindsamen Menschen unserer Zeit, der nicht fertig wird mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt, weil er wacher, skeptischer und weniger leicht zu beruhigen oder zu betrügen ist als die Jugend früherer Generationen? Die Frage ist nicht zu beantworten. Aber sie muß gestellt werden.