Die Idee raffinierter indirekter Nebenwirkungen einer Technologie auf die Gesellschaft läßt sich an der Erfindung des Mikroskops nachweisen. Zur Zeit seiner Entdeckung, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, wurde Krankheit allgemein als eine Strafe verstanden, die Gott einem einzelnen auferlegte. Das Mikroskop befähigte den Menschen zur Erkennung von Mikroorganismen und schuf damit die Voraussetzungen für die Erregertheorie der Krankheiten. Daneben führte die überraschende Entdeckung extrem kleiner lebender Organismen zu der Vorstellung einer kontinuierlichen Lebenskette, die wiederum eine notwendige geistige Voraussetzung für die Entwicklung des Darwinismus war. Sowohl die Theorie der Krankheitserreger als auch die Evolutionstheorie veränderten die Vorstellungen des Menschen von seinem Vertrag mit Gott und damit sein Selbstverständnis. Politisch haben diese Ideen die Macht der Kirche verringert und bisher unangreifbare Autoritäten in Frage gestellt.

Es ist sinnvoll zu fragen, ob der Computer ähnliche Veränderungen im Selbstverständnis des Menschen bewirken wird. Wie ist die psychologische Auswirkung auf die Individuen einer Gesellschaft, in der anonyme, also nicht verantwortungsfähige Kräfte die großen Tagesfragen stellen und den Bereich möglicher Antworten abgrenzen? Es kann nicht überraschen, wenn eine große Anzahl aufnahmebereiter Menschen in einer solchen Gesellschaft ihre Ohnmacht erkennen und sich in jene blinde Wut treiben lassen, die oft solche Erfahrungen begleitet.

Computergestützte Wissenssysteme werden mehr oder weniger unveränderbar (abgesehen davon, daß sie wachsen können). Weil sie Abhängigkeit erzeugen und nach Überschreiten, einer gewissen Schwelle nicht mehr aufgegeben werden können, besteht die große Gefahr, daß sie von einer Generation zur nächsten vererbt werden und dabei immer weiter wachsen.

Sicherlich, auch der Mensch überträgt seine Erfahrungen von einer Generation zur nächsten. Weil er aber sterblich ist, ist diese Übermittlung über die Generationen zugleich ein Prozeß des Filterns und der Vervollkommnung. Der Mensch überträgt nicht bloßes Wissen, er regeneriert es kontinuierlich. Soviel wir auch das Verschwinden alter Kulturen betrauern mögen, so wissen wir doch, daß die Größe des Menschen ebensosehr in der Evolution seiner Kulturen wie in der Evolution seines Hirns begründet ist.

Die unkluge Anwendung immer größerer und immer komplexerer Computersysteme könnte diesen Prozeß durchaus zum Stillstand bringen. Sie könnte die Ebbe und Flut der Kulturen durch eine Welt ohne Werte ersetzen, eine Welt, in der alles Wesentliche vor langer Zeit bestimmt und für alle Zeiten festgehalten worden ist.

Der meiste Schaden, den der Computer potentiell zur Folge haben könnte, hängt weniger davon ab, was der Computer tatsächlich machen kann oder nicht kann, als vielmehr von den Eigenschaften, die das Publikum dem Computer zuschreibt. Der Nichtfachmann hat überhaupt keine andere Wahl, als dem Computer die Eigenschaften zuzuordnen, die durch die von der Presse verstärkte Propaganda der Computergemeinschaft zu ihm dringen. Daher hat der Informatiker die enorme Verantwortung, in seinen Ansprüchen bescheiden zu sein.

Diesen Rat brauchte ich nicht einmal auszusprechen, wenn die Informatik eine Tradition der Gelehrsamkeit und Kritik besäße wie die der etablierten Wissenschaften. Beim gereiften Wissenschaftler ist gerade seine Demut die Quelle seiner Stärke. Ich betrachte es als eine der wichtigsten Aufgaben eines Fachbereichs für Informatik an einer Universität, diese Art von Demut den Studenten einzuflößen, insbesondere durch das Beispiel der Lehrenden.