Von Richard Schmid

Eines Nachts im November 1970 ist der vierunddreißigjährige Lyriker und Fernsehautor Ernst S. Steffen auf einer Straße bei Baden-Baden tödlich verunglückt. Im Jahre 1967 war er gnadenweise unter Bewährungsfrist aus dem Zuchthaus Bruchsal entlassen worden. Von den neunzehn Jahren zwischen seinem zwölften Lebensjahr und seiner Entlassung hat er etwa sechzehn Jahre zwangsweise in Heimen oder in Haft verbracht. Zuerst waren es die schrecklichen Verhältnisse zu Hause, Mißhandlungen durch den Vater, einen Trinker, der ihm die Nase kaputt schlug und ihn fürs Leben entstellte, dann die in solchen Fällen sich anschließende Laufbahn durch Fürsorgeerziehung, Jugendstrafe mit unbestimmter Dauer, Gefängnis, Zuchthaus. Am .Ende seiner Strafhaft fand er einen Menschen, der ihm heraus- und weiterhalf.

Ein paar Tage vor dem Unfall hat ihn die Justiz doch noch einmal eingeholt. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat eine Verurteilung Steffens durch das Amtsgericht Bruchsal wegen Beleidigung eines Strafanstaltsbeamten bestätigt. Vielleicht wollte es Steffen der Justiz ersparen, über den Widerruf der Bewährungsfrist zu entscheiden. Steffen neigte zu solch drastischen Reaktionen.

Eine lückenhafte, aber darum nicht minder lesenswerte und erschütternde Auswahl von Steffens Prosa aus der Haftzeit einschließlich einiger Dokumente aus dieser Zeit und über den Beleidigungsprozeß ist jetzt erschienen –

Ernst S. Steffen: "Rattenjagd" – Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus; Sammlung Luchterhand 33, Luchterhand Verlag, Neuwied; 189 S., 7,80 DM.

Dazu gehört der noch zu Lebzeiten Steffens erschienene Gedichtband "Lebenslänglich auf Raten" (gleichfalls bei Luchterhand, 1969, 8,50 DM).

Die beiden Bücher sind also nicht nur Literatur, sondern auch Beweisstücke, kleine Stücke eines Beweises für einen Sachverhalt, der unserer Gesellschaft schon längst den Schlaf rauhen sollte. Ich meine nicht den generellen Zweifel an der strafrechtlichen Schuld und an dem Sinn der Freiheitsstrafe, sondern den Spezialfall, daß die begabten, starken und vitalen Naturen besonders schwer geschädigt und gefährdet werden, weil ihnen die Anpassung und das Sich-Ducken im erbarmungslosen Betrieb der Strafjustiz und des Strafvollzugs schwerer gelingt als anderen. Sie werden aufsässig, und die Reaktion des Apparats steigert sich – und so weiter, im circulus vitiosus. So geht viel Menschenwert und Begabung vor die Hunde. Die Fälle sind nicht selten; sie werden nur selten sichtbar.