Im schweizerischen Kanton Thurgau gibt es ein Dorf namens Amriswil und dortselbst einen Volksschullehrer namens Dino Larese, und wer von all dem nichts weiß, der bestätigt damit nur, daß es mit ihm selber an der für Amriswiler Maßstäbe notwendigen Berühmtheit noch gebricht. Er mag sich inzwischen informieren bei Carl J. Burckhardt oder Martin Heidegger, Ernst Bloch oder Salvador de Madariaga, Carl Orff oder Carl Zuckmayer, Bruno Kreisky oder Gustav Heinemann. Sie alle nämlich und manch andere Zelebritäten mehr waren schon zu Gast in Amriswil. Und da Amriswil mit seinen 460 Metern vom Meeresrauschen ebensoweit entfernt ist wie von der Höhenluft, da es dort weder heiße Quellen noch kühle Waldesschatten gibt, weder akademische Ehren noch Frischzellen appliziert werden, braucht Dino Larese, auf dessen Initiative allein so viel durchreisende Kultur zurückgeht, sich nicht mit dem Ruhm zu begnügen, aus Amriswil das Beste gemacht zu haben: Er hat diesen Ort, an dem er vor 57 Jahren als Sohn eines venezianischen Scherenschleifers geboren wurde, quasi erfunden. Dabei kam ihm freilich die Bodenseenähe zu Hilfe, das Dreiländereck, das vorzüglich als Folie taugt für seine Ambitionen, die nicht mehr und nicht weniger als den Geist des Abendlandes zum Thema haben. Mit einem örtlichen Verein für Literatur, Musik und bildende Kunst begann er vor rund zehn Jahren; eine Akademie für Feiern, Arbeitswochen und Kulturtagungen wird, so Gott und die Geldgeber (die er offensichtlich zu finden weiß) wollen, Amriswil bald endgültig in die Liste der Kulturstätten einreihen helfen.

Man muß die Feste feiern, auch dort, wohin sie eigentlich nicht fallen: Als Dino Larese vor zehn Jahren Carl J. Burckhardt bat, ihm zum 70. doch eine kleine Feierstunde ausrichten zu dürfen, und gleichzeitig Theodor Heuss wissen ließ, daß Carl J. Burckhardt sich freuen würde, wenn Heuss aus diesem Anlaß ein paar Worte sprechen könnte, da ging der Poker auf. Den nächsten Herrschaften, die dann nach Amriswil eingeladen wurden, konnten bereits zwei prominente Vorläufer genannt werden. Und als Dino Larese jetzt am 9. Januar das Startsignal zur Feier von Carl Zuckmayers 75. Geburtstag gab, da wies er, bei der ersten seiner zahlreichen Reden, den schweizerischen Bundesrat Tschudi freudig darauf hin, daß er in der Reihe der zu Begrüßenden leider erst an vierter Stelle rangiere: außer dem Jubilar waren nämlich noch der österreichische Bundeskanzler und der deutsche Bundespräsident am Festort eingetroffen. Und damit hatte alles auch schließlich durchaus seine nicht nur protokollarische, sondern auch seine festimmanente Richtigkeit, denn Carl Zuckmayer ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat sich später in Österreich niedergelassen und lebt heute in der Schweiz (ob Dino Larese auch den Präsidenten des Landes, in dem Carl Zuckmayer die Exiljahre verbrachte, ob er also auch Richard Nixon eingeladen hatte, ist nicht bekannt).

Der Festort: das war zunächst die evangelische Kirche von Amriswil, in der sich rund 1000 Gäste drängten, um so unterschiedliche Stimmen wie die von Dino Larese und Anneliese Rothenberger, Emil Staiger und Carl Zuckmayer, Hans Peter Tschudi und Gustav Heinemann zu hören (wobei am Rande vermerkt sei, daß Bundespräsident Heinemann mit präziseren und aufschlußreicheren Auskünften über das Werk von Carl Zuckmayer aufwartete als der Germanist Emil Staiger). Der Festort: das war dann das kleine vor Amriswil gelegene Wasserschloß Hagenwil, in dem mit Essen, Thurgauer Wein und Ansprachen nicht gegeizt wurde, in dem Gedenkbüchlein verteilt und ein Carl-Zuckmayer-Marsch uraufgeführt wurde, Bilder für die Herren Redner und Bonbonnieren für ihre Damen ausgeteilt wurden, in dem es rundum frohgemut zuging und Dino Larese, dessen Gaben als oberster Kulturzirkusdirektor hier beim Einsatz des ganzen Ensembles voll zur Wirkung kamen, froh verkündete, daß ab heute jedes Amriswiler Schulkind den Namen des deutschen Bundespräsidenten wisse. Und Gustav Heinemann weiß jetzt, wo Amriswil liegt.

Ein, in diesem Falle, Dichter und seine immense Gabe zur Freundschaft und ein Kultureuphoriker mit seinem immens wohlfunktionierenden Selbstbewußtsein, die eigene Person und das "Anliegen" betreffend:Das bringt auch einem mittleren Dorf über und für eine Nacht den Duft der großen weiten Welt ein. Oder, anders formuliert: auch aus Pinneberg ließe sich mehr machen.

Petra Kipphoff