Von Gerhard Ziegler

Hermann Schmitt-Vockenhausen ist wieder einmal im Gerede. Diesmal hat sich der Vorwärts des Genossen angenommen, der in Bonn auch unter seinen Initialen "HSV" bekannt ist. Die SPD-Wochenzeitung, von ihrem neuen Chefredakteur Gerhard Gründler aus dem politischen Dornröschenschlaf geweckt, hat dem prominenten Sozialdemokraten vorgeworfen, er habe sich für einen Mann eingesetzt, "der nahezu jedes Verbrechen der SS-Diktatur rechtfertigte und damit moralisch Mitschuldiger am Tode vieler Millionen Menschen ist". Gemeint war der Chef der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg, Professor Reinhard Höhn.

Im Vorwärts hatte Bernt Engelmann unter der zugkräftigen Überschrift "Schmiede der Elite: wo Bosse lernen" Westeuropas größte Unternehmerschule auseinandergenommen, wobei vor allem die NS-Vergangenheit des Hausherrn eine Rolle spielte.

In der Kontroverse, die sich daraus entspann, spielte auch ein Brief des Bundestags-Vizepräsidenten Schmitt-Vockenhausen eine Rolle, der Höhn gute Beiträge "für den Aufbau des jungen demokratischen Staates" bescheinigt hatte. Geschrieben wurde dieser Brief Anfang 1958 aus Anlaß eines Berliner Spruchkammer-Urteils. Der Persil-Schein Schmitt-Vockenhausens für den ehemaligen Vorgesetzten Adolf Eichmanns veranlaßte den Vorwärts zu fragen, wie lange denn noch Sozialdemokraten einen Himmler-Freund decken wollten.

Die Antwort will Schmitt-Vockenhausen in der nächsten Ausgabe des SPD-Organs geben. Es ist nicht das erste Mal, daß von "HSV" Auskunft über seinen politischen Standort verlangt wird. Schließlich wird er, zum Ärger vieler Sozialdemokraten, nicht erst seit gestern "rechts von der Mitte" geortet. Meist werden zwei Namen genannt, wenn es gilt, die Bandbreite der sozialdemokratischen Partei Deutschlands abzustecken: Jochen Steffen und Hermann Schmitt-Vockenhausen. Der schleswig-holsteinische SPD-Landesvorsitzende und der Vizepräsident des Deutschen Bundestages markieren die Außenpositionen der SPD – der eine links, der andere rechts.

Tatsache ist: Wann und wo immer von rechts angegriffen wird – Schmitt-Vockenhausen ist mit Sicherheit in der vordersten Linie der Angreifer. "HSV" ist zum Markenzeichen für konservative Positionen in der SPD geworden. Als Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages engagierte sich Schmitt-Vockenhausen schon im Frühstadium für die Notstandsgesetzgebung. Wo eine Resolution für Recht und Ordnung verabschiedet wird, ist er dabei. Seite an Seite mit konservativen Ordinarien kämpft er im "Bund Freiheit der Wissenschaft", Befragen ihn junge Genossen, wie er dazu gekommen sei, sich in dieser Gruppe zu engagieren, bekommen sie zur Antwort: Er sei selbstverständlich nicht gegen Reformen, sondern gegen die Gewalt und die Störungen des Studienbetriebes an den Universitäten.

In der Landschaft der südhessischen Sozialdemokraten ist "HSV" ein seltenes Gewächs. Er nimmt sich fremd aus in einem SPD-Unterbezirk, der zu einem Synonym für den linken Flügel der Sozialdemokraten geworden ist. Aber dieser Unterbezirk ist die politische Basis Schmitt-Vockenhausens. Hier ist sein Wahlkreis, der ihn seit 1953 eine Legislaturperiode nach der anderen als Direktkandidaten in den Bundestag schickt – und zwar immer mit soliden Mehrheiten. Dabei ist der bald 49jährige in den Heimatformationen seiner Partei Umstritten wie kaum ein anderer. Die Jungsozialisten veranstalteten Protestdemonstrationen vor seinem Hause in Bad Soden, als er während der Kampfzeit um die Notstandsgesetze ein geruhsames Wochenende verbringen wollte. Auf ihn gemünzt war auch ein Juso-Beschluß, keine Kandidaten mehr zu unterstützen, die im Bundestag der Notstandsgesetzgebung zugestimmt hatten.