"Das Recht, ein anderer zu werden", von Dorothee Sölle. Mit ihrem Konzept einer "Theologie ohne Gott" erregte die streitbare Kölner Theologin nicht nur Anstoß bei den Kirchenvätern, sondern auch ein gewisses Aufsehen in der Öffentlichkeit. Die Grundgedanken dieses Konzeptes liegen nun in einem erschwinglichen Taschenbuch vor, das verschiedene Radio- und Zeitschriftenbeiträge sowie ein Interview von Günter Gaus mit der Autorin enthält. Dorothee Sölle entmachtet den traditionellen Vater-Gott und die ihm zugehörige Ideologie, den Theismus. Unsere fortschreitende Erkenntnis erübrige einen außerweltlichen Gott, dessen einzig legitime Funktion darin bestanden habe, den "Lückenbüßer für die Nebelflecken im wissenschaftlichen Weltbild" abzugeben. In den theistischen Kanzelpredigten sieht die Autorin den Versuch, die Ohnmacht und die politische Ignoranz des Menschen zu sanktionieren; dadurch aber werde die christliche Lehre zum zeitfernen Lippenbekenntnis herabgewürdigt und verfälscht. Nicht die Verantwortung an einen transzendenten Gott zu delegieren, heiße christlich handeln, sondern Verantwortung selber zu übernehmen, den Anteil persönlicher Schuld an den bestehenden Verhältnissen zu erkennen und es Jesus, dem Ankläger politischer und sozialer Mißstände, nachzutun. Dorothee Sölle propagiert ein aktives, aufgeklärtes, politisch bewußtes Christentum, sie betreibt Theologie für Zeitgenossen. Die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Mitschuld des einzelnen steht jedoch in einem fast komischen Kontrast zu dem anspruchsvollen und ehrenwerten theoretischen Programm. In vollem Ernst schreibt Dorothee Sölle etwa: "Wenn ich eine Zigarette rauche, habe ich schon wieder die Bundeswehr unterstützt. Wenn ich eine Banane esse, helfe ich der United Fruit Company, die lateinamerikanischen Arbeitssklaven auszubeuten So kann man es natürlich auch sehen. Nur, mit politischer Aufklärung hat das wenig, viel jedoch mit Theologie zu tun. (Sammlung Luchterhand 43, Luchterhand Verlag, Neuwied; 148 S., 4,80 DM)

Christian Schultz-Gerstein

"Mississippi-Insel", Roman von Erskine Caldwell. Im Süden nichts Neues. Caldwells Dixieland, wie man es aus seinen früheren sozialkritischen Romanen kennt, ist wieder einmal die Szene einer bösen Geschichte. Guthry (Typ des toleranten Weißen), sein jugendlicher Neffe Steve, Troy (Typ des rassistischen Widerlings) und Duke (Typ des sympathischen Negers, als Lehrer etwas gebildeter als die andern) unternehmen gemeinsam einen mehrtägigen Angelausflug zur besagten Insel im Strom. Troy demütigt Duke unentwegt und provoziert einen Streit, in dem Duke Sieger bleibt. Ein nymphomanes Hascherl, das mit zwei fremden Männern zur Insel übergesetzt ist, irritiert den halbwüchsigen Steve und hat es auf Duke abgesehen (Klappentext: "Brodelnde sexuelle Gelüste ..."), der sich mit der Energie des Furchtsamen wehrt. Passivität ist kein Freibrief für einen "Nigger". Später rächt sich Troy für die Niederlage auf der Insel. Er vergewaltigt ein halbwüchsiges Negermädchen, überfährt Duke mit seinem Lkw und verletzt ihn schwer. Die amerikanische Originalausgabe dieser gestreckten Story erschien 1968. In jenem Jahr wurde Martin Luther King ermordet: in Tennessee, wo Caldwells "Mississippi-Insel" liegt. Caldwell ignoriert es und alles, was zuvor schon die politische Topographie der Südstaaten verändert hat. Ein einziges Wörtchen – nur der aufmerksame Leser registriert es – macht solche Ignoranz möglich: "damals". Eine Damals-Geschichte stimmt aber dann nicht mehr, wenn die realen politischen Ereignisse der Folgezeit das Bewußtsein des Lesers sensibilisiert oder intensiviert haben. Kann also Caldwells "Engagement" noch ernst genommen werden? Ein Engagement, das in pseudohumanitärer Rhetorik (Guthry ermahnt seinen Neffen, Troys "Vorurteile nicht zu bewundern") und vulgärpsychologischen Klischees (Guthry über Troy: "Der Hauptgrund ist seine Unwissenheit versandet. (Aus dem Amerikanischen von Christel Wiemken; Marion von Schröder Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 202 S., 18,– DM)

Egbert Hoehl