Von Marion Gräfin Dönhoff

Ich wollte von Thailand aus nach Burma fliegen, hatte gerade in Bangkok im Reisebüro für den nächsten Tag einen Flug nach Rangun gebucht, was schwierig genug war, als mich eine Nachricht erreichte, die alles wieder umwarf. Der König und die Königin planen, so hieß, es, eine Fahrt zu den Hill tribes, den Bergstämmen. Im Hubschrauber sei ein Platz für mich frei, sofern ich Interesse hätte.

Seit Jahren war ich immer wieder einmal nach Bangkok gekommen, aber nie hatte ich den unzugänglichen, gebirgigen, urwaldbestandenen Norden kennengelernt, wo die Bergstämme leben und wo es nur Fußpfade, aber keine Straßen gibt – ein Gebiet also, das anders als mit dem Helikopter kaum zu erreichen ist. Was für eine Chance eröffnete sich da: Ich eilte zurück zum Reisebüro, annullierte den Platz nach Rangun und flog am nächsten Morgen nach Chieng Mai, also nach Norden statt nach Westen.

Chieng Mai ist eine reizvolle Stadt mit vielen buddhistischen Tempeln und leider nur noch wenigen der schönen alten Holzhäuser; sie werden allmählich eins nach dem anderen durch die üblichen Zementblöcke ersetzt. Der Ort liegt etwa 700 Kilometer nördlich von Bangkok im Vorfeld der Berge, die den letzten Ausläufer des Himalaja bilden. Von dort ist es eine knappe halbe Autostunde auf einer erstklassigen Straße, die bis zu dem Winterpalast des Königs führt, der von 1200 Meter Höhe auf Chieng Mai herunterblickt.

Guerilla im Bauernland

Die Hill tribes sind Stämme sino-tibetischen Ursprungs, die zumeist aus dem Norden, aus Yünan, eingewandert sind, einige erst während der letzten hundert Jahre. Es ist eine Bevölkerungsgruppe von rund 300 000 Menschen, die sich auf etwa zwei Dutzend Stämme verteilen, von denen jeder seine eigene Sprache spricht. Sie haben mit den Thais nichts gemein. Gordon Young, der Sohn eines amerikanischen Missionars, der unter ihnen aufgewachsen ist und 1963 ein Buch über sie veröffentlicht hat, schildert, wie er eines Tages zusammen mit einem Thai bei einem dieser Stämme zu Gast ist. Young stellte seinen Begleiter vor. Alle blickten diesen gespannt und neugierig an. Schließlich sagte einer: "So sieht also ein Thai aus..." Man hat diese Stämme bis in die sechziger Jahre mehr oder weniger sich selbst überlassen. Einen Zensus hat es nie gegeben, Wehrdienst kennen sie nicht, Registrierung auch nicht, Steuer- und Schulzwang erreichen sie nur sehr peripher. Sie verwalten sich sozusagen selbst.

Seit einigen Jahren kümmert man sich mehr um sie, weil sich herausgestellt hat, daß einige von ihnen – vor allem die Meos – von Kommunisten geschult, zu Guerillas geworden sind! Deren Anzahl ist zwar nicht groß, es sind ein paar Tausend, aber sie machen der Regierung Sorge, zumal da im Nordosten von Thailand, einem sehr armen, an Laos angrenzenden Gebiet, der Aufstand unter den Bauern bereits weit um sich gegriffen hat.