Gewidmet hat er das Stück seinem "allzulieben Heimatlande" – und im Vorwort verspricht Peter Turrini, der sich selbst einen "Heimatdichter" nennt, Erbauliches-: "Natürlich haben wir Österreicher die Gewalt nicht erfunden, wir führen sie nur etwas unterhaltender aus. Mit Recht nennt man uns daher ein urgemütliches Völkchen."

Doch schon nach einer Theaterminute ist alle Gemütlichkeit dahin. Da brüllt der Bauer seine Magd an: "Verstockter Trampel, Sauweib, aufgeblähtes." Damit ist Turrinis Vorhaben, das Genre Bauerntheater listig zu benutzen, um es dann als verlogen Zu decouvrieren, schon verpufft. Seine Bauersleute sind von Anfang an viel zu offenkundig und zu simpel brutal; nichts an ihnen ist "urgemütlich" oder "allzulieb". Statt die totale Künstlichkeit eines Genres, das den Zuschauern suggeriert, auf dem Lande gehe es immer höchst gesund und höchst gemütlich zu, bewußt zu zitieren, macht sich Turrini gleich in amateurhaftem Zerstörungs- und Entlarvungstrieb über seine Figuren her. Die Idylle ist schon zertrümmert, bevor sie. überhaupt szenisch konstituiert wurde.

Genauso sind die Menschen auf der Bühne bereits denunziert, bevor sie exponiert sind. Wahrscheinlich ist dies das Fatalste an dem Stück: wie faul und wie fahrlässig es mit seinen Figuren umgeht, wie wenig es zwischen ihnen differenziert. Es gibt da nur die simpelste und sentimentalste Unterscheidung: die zwischen Opfer und Verfolgern. Das Opfer ist Valentin, der älteste Sohn der Familie. An einem Bonifatiustag hat er das Sprechen aufgegeben, und seitdem grunzt er nur noch wie ein Schwein. Seine Familie versucht nun, dem verstockten Sohn das Schweigen auszutreiben: erst mit Betteln und Versprechungen, dann prügeln sie, dann stopfen sie dem Jungen Saufutter in den Mund. Da dies alles nichts nützt, holt man die Honoratioren des Dorfes zu Hilfe: Doktor, Pfarrer, Lehrer und Rechtsanwalt. Die klugen Herren wissen schnell Rat: der grunzende Valentin muß geschlachtet werden. Und so geschieht es dann auch. Am Ende sitzt die Familie wieder am Mittagstisch. Die Kirchenglocken läuten – und es gibt Schweinsbraten.

Vom Bauernalltag zum Kannibalismus: Turrinis Stück legt diesen Weg in kaum mehr als einer Theaterstunde zurück. Leider ist der Autor den Gefahren einer derartigen Effekt- und Eskalationsdramaturgie total unterlegen. Bevor das Stück sich beschreibend auf eine Figur einläßt, bevor es anfängt, nachzudenken, ist es schon dem blinden Aktioismus verfallen, läuft leer in einer Kette unmotivierter, deshalb unnützer Theatergrausamkeiten. Während die Bauernstücke von Franz Xaver Kroetz beängstigend klarmachen, wie Humanität, die sich nicht artikulieren kann, zur Bestialität pervertiert, sind Turrinis Figurenschablonen von Anfang an und ohne alle Begründung grausam. Den kitschigen Simplifikationen von Bauerntheater und Lesebuch setzt Turrini nur die eigenen grellen Simplifikationen entgegen. Die Bäuerin zu ihrem gefolgerten Kind: "Liebes Büble, i bin deine liebe Mutter, das is dein lieber Vater, das is dein lieber Bruder, mir san a liebe Familie in an lieben Land." Da will ein Text decouvrieren und kommt über das Chargieren nicht hinaus. Turrinis Pauschaldramatik ist Ausdruck des gleichen, von Affekten getriebenen Irrationalismus, den er bei seinen Figuren attackiert.

Doch darf man dieses Stück überhaupt an den Kriterien eines kritischen Realismus messen? Ist nicht "Sauschlachten" wie schon Turrinis erstes Stück "Rozznjogd" nur als Parabel zu verstehen, als Gleichnis von der menschlichen Bestialität? "Rozznjogd" war freilich konsequenter. Die Männer, die am Schluß des Stücks auf den Schuttabladeplatz kamen und die beiden jungen Leute erschossen, als wären es Ratten, blieben geheimnisvoll unerklärt, wirkten wie Geschöpfe aus einem metaphysischen Jenseits. In "Rozznjogd" gab die Parabel wenigstens ihre eigene sozialkritische Unverbindlichkeit zu. In "Sauschlachten" aber sind die Mörder Gegenstand der szenischen Attacke, und dabei läßt Turrini keine Denunziation der vulgären Sozialkritik aus. Die Peiniger des grunzenden Valentin singen andauernd Heimatlieder, erinnern sich verklärten Blicks an die Nazizeit, tun fromm und singen im nächsten Moment schweinische Lieder: perfekte faschistische Popanze.

So wird das Stück zu einem recht unglücklichen Bastard: es meint immer "den Menschen" ganz allgemein, und dann doch auch Österreich und das Bauerntum im Speziellen. Die Parabel muß also fortwährend so tun, als sei sie ein Soziogramm.

Vollends fatal wird das Stück durch die Figur seines Helden. Der grunzende Valentin nämlich ist so etwas wie der Intellektuelle in der Familie: er hat Bücher gelesen, Flöte gespielt, Englisch gelernt, ja sogar Mundwasser benutzt. Sein Grunzen, so will es Turrini, ist also nicht etwa Geistesschwäche, sondern bewußter, intellektueller Protest gegen seine Umwelt. Warum der junge Intellektuelle sich widerstandslos foltern und schlachten läßt, warum er nicht einfach mit dem nächsten Omnibus das Dorf verläßt? Nun, an eine Parabel kann man solch banale Fragen glücklicherweise nicht stellen: ein feiner Vorwand für bequeme Dramatiker.