Von Uwe Friesel

Vor zwei Wochen veröffentlichten wir an dieser Stelle eine Polemik gegen das sogenannte Neue Hörspiel, jenen Hörspieltyp, bei dem es nicht um die Logik einer Handlung oder die Logik der Psychologie geht, sondern vorwiegend um die "Montage" vorgefundenen "Materials" – um die Kombination von Sprach- und Geräuschelementen. Ihr Autor war der Schriftsteller Günter Herburger, Autor von "Eine gleichmäßige Landschaft", "Die Messe", "Jesus in Osaka" und auch etlicher Hörspiele. Herburgers Hauptargument lief etwa darauf hinaus: Neue Hörspiele zu machen fällt leicht, das und die immerhin anständige Honorierung von Hörspielen überhaupt erkläre ihre Beliebtheit bei den Autoren, die Leichtigkeit der Verfertigung werde kompensiert und kaschiert durch eine besonders hochgestochene und hohle Phraseologie in den Ankündigungen solcher Produkte (Herburger zitierte ausgiebig aus einer einschlägigen Phrasen-Sammlung von Dagmar Nick), die Hörer aber blieben gelangweilt weg und unterhielten sich auf andere Art. Herburgers Polemik, die vorher in einer Hörspiel-Diskussion des WDR gesendet worden war, kam in dem Augenblick, als der NDR gerade seinen Hörspiel-Etat zu reduzieren drohte und auch an anderen Sendern die Kürzung der Etats für kulturelle Wortsendungen zur Debatte steht: in einem nervösen Augenblick also. Es ist die Frage, ob ein Angriff wie der

Da haben wir’s. Nachdem der "Spiegel" per Autorenumfrage aufgedeckt hat, wie fett deutsche Dichter sich in ihren Aktienpfühlen und Eigenheimsofas räkeln, wobei sie sich zu allem Überfluß das bißchen Arbeit auch noch selbst zumessen nach Umfang und Zeitpunkt; nachdem, wiederum im "Spiegel", ein Besserwisser ohne Belege bewies, wie im deutschen Theater überflüssige Drohnen nichts als dummes Zeugs verzapfen und es dem gläubigen Publikum als bitteren Honig verkaufen, immer zu Lasten der Allgemeinheit, mußte nun die ZEIT nachziehen und einen echten Autor zu Wort lassen, auf daß er einen der letzten Äste absägen helfe, woran die Kollegen sich bisher noch hochhangeln konnten. Niemand sage, Zeitschrift und Autor hätten kein Gefühl für Timing.

Unterstellen wir einmal, Kollege Herburger sei zu weltfremd ("wir Schöngeister"), um die weiterreichenden Implikationen seiner Hörspielschelte überhaupt zu merken. Er wisse nicht um das immer wirkungsvollere Zielschießen auf die Wort-, speziell die Hörspielredaktionen der Sender durch ihre eigenen Programmdirektoren, die sich (vielmehr ihre Oberen) durch Autofahrerwellen und ähnliche neue Programme dauerschwimmfähig machen wollen. Habe keine Ahnung vom "Abschminken der Kultur", wie sie an vielen deutschen Sendern, allen, voran der nördlichste, durchexerziert wird. Sei unbetroffen von der Tatsache, daß mittels gezielter demoskopischer Zahlenspiele die Plattenindustrie auf Kosten der Wortbeiträger täglich einträglicher gefördert wird und von einem programmatischen Bildungs-, gar Kulturauftrag der Rundfunkanstalten so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. Unterstellen wir, Herburger glaube ernstlich, die Autoren könnten ihren Ein- und Ausstieg bei den Funkprogrammen nach Inhalt, Stil, Form auf ewig selber bestimmen wie angeblich ihre Arbeitszeit ...

Doch das dürfen wir gar nicht unterstellen. Dürften wir es, wäre Herburger ein schlimmer Provinzbarde, von allen guten Geistern verlassen, besonders von seinem eigenen. "Berufszwang" her, "Eitelkeit" hin – er hat seine Produkte vielfach vermarktet und ist also auch diesbezüglich ernst zu nehmen. Folgen wir ihm absatzweise.

Herburgers radiophone Möglichkeiten erschöpfen sich am Skalenknopf seines Empfängers. Ich nehme an, er hat keine Stereoanlage – ein nützliches Möbel, das man sich bei den notorischen Finanzverhältnissen deutscher Autoren ja leicht zulegen kann. Dann hätte er schon ein paar Möglichkeiten mehr: Raum, Hall, Playback oder Trick, hoch-tief, laut-leise, links-rechts. Alles weit präzisere Dinge als "Kurzwelleneffekt, Geräuschsalat und Sinn Verzerrung". Darüber hinaus, dürfen wir annehmen, daß auch die Hörspiel-Ingenieure zur Herstellung eines Geräuschvon Herburger in einem solchen Moment opportun ist; uns schien: ja, denn gerade vor einer solchen Krise könne eine Diskussion des Nutzens bestimmter Sendungstypen nicht schaden. Herburgers unsanfte Einwürfe haben denn auch besonders bei den Betroffenen einige Empörung ausgelöst; in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte Jörg Drews, seit langem Promoter des Neuen Hörspiels, einiges an schlüssigen Gegenargumenten. Von den Entgegnungen, die uns erreichten, drucken wir hier die schärfste. Ihr Autor, der Dramaturg, Romancier, Übersetzer und Hörspielautor Uwe Friesel, gehört selber nicht zum "Neuen Hörspiel". der nächsten Ausgabe folgt ein Schlußwort von Heinz Schwitzke, der lange Jahre Chef der Hörspielabteilung des NDR war. – Wir sind der Meinung, daß sich über viele Vorwürfe Herburgers ganz gut reden und streiten läßt. Einem Schriftstellen der eine bestimmte Literatursorte für zu langweilig erklärt, aber Minoritätenhetze und gar Faschismus vorzuwerfen, wie Drews und Friesel es tun, erscheint uns als ein ziemlicher Verlust an Augenmaß, und einigermaßen geschmacklos. Wenn der Vorwurf Schule macht, wären die Diskussionen über bestimmte literarische Methoden in der Zukunft abgeschafft; ein jeder wirkte dann unbehelligt und unangefochten im garantierten Frieden seiner Parzelle.

D. E. Z.