Europas Chemiefaserindustrie hat Sorgen. Erhebliche Überkapazitäten, der Konkurrenzvorsprung amerikanischer Produzenten nach der Dollarabwertung und eine zu optimistische Verbrauchsein-Schätzung haben erhebliche Preiseinbußen zur Folge. Die Gewinnaussichten der Chemiekonzerne sind entsprechend bescheiden. Eine Reihe von europäischen Konzernen erörtert deshalb die Möglichkeit, das Kapazitätsproblem durch eine internationale Absprache über den Bau neuer Anlagen zu meistern.

Als Initiatoren der Gespräche, die auch mit Vertretern der Europäischen Kommission in Brüssel geführt werden, gelten die holländische AKZO, deren Tochter Enka Glanzstoff der zweitgrößte Chemiefaserhersteller der Welt ist, der französische Konzern Rhône-Poulenc und die italienischen Firmen Montedison und Snia Viscosa. Die Gespräche sollen vor allem dazu dienen, der aggressiven Expansionspolitik des italienischen Staates rechtzeitig Einhalt zu gebieten.

Der zum Einflußbereich der staatlichen ENI gehörende Chemiekonzern Montedison, mit rund 12 Milliarden Mark Umsatz eines der größten Chemieunternehmen der Welt, will den zweitgrößten italienischen Chemiefaserproduzenten Snia Viscosa (Umsatz zwei Milliarden Mark) übernehmen und plant den Bau neuer Anlagen in Sardinien und im Mezzogiorno. Diese Pläne machen die Hoffnung auf einen allmählichen Abbau der Überkapazitäten in. Europa zunichte. Zudem: In Italien hilft der Staat mit zinslosen oder niedrig verzinslichen Darlehen.

Dieser forcierte Ausbau hat nach Ansicht der Konkurrenz zwei Ziele: Einmal soll der innenpolitisch angestrebte Ausgleich der industriellen Struktur zwischen Nord- und Süditalien gefördert werden, zum anderen will Italien sich bei den angestrebten Kapazitätsbegrenzungen eine möglichst hohe Quote sichern.

Glanzstoff Vorstandsmitglied Ludwig Vaupel: "Diese Entwicklung hat zu einer ernsthaften Bedrohung durch Wettbewerber geführt, die nicht nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten operieren. Die beinahe totale Konzentration mit Staatshilfe und die faktische Ausschaltung von Ertragsüberlegungen bei Entscheidungen über Investitionen, die das Marktgleichgewicht nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa stören, bedeuten eine Aushöhlung der Fundamente des Gemeinsamen Marktes überhaupt."

Von den beiden großen deutschen Chemiefaserproduzenten Hoechst und Bayer hat sich nur der Frankfurter Konzern an den Vorgesprächen beteiligt, "um die Chancen zu testen, ob auf diesem – Weg etwas zu erreichen ist".

Bei den Farbenfabriken Bayer hält man den angestrebten Weg dagegen nicht für erfolgversprechend und hat eine Beteiligung an den Gesprächen abgelehnt.

Die Aussicht, daß der italienische Staat sich an die Leine legen läßt, wird nur gering eingeschätzt. Die Verfälschung des Wettbewerbs lasse sich nur vermeiden, wenn sich auch die italienische Industrie an die EWG-Spielregeln halte. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit seien jedoch nicht dazu angetan, große Hoffnungen auf die in Brüssel angestrebten Maßnahmen zu setzen. mh