Von Kai Krüger

Der Reaktorreferent der niedersächsischen Landesregierung, Physikoberrat Dr. Karl Heinz Berg, überbrachte die sechste und letzte Teilbetriebsgenehmigung persönlich. Noch am selben Abend, um 21.30 Uhr, begann man, das Borkonzentrat im Druckwasser des Reaktors Stade durch Wasseraustausch zu verdünnen, und am nächsten Morgen, um 03.45 Uhr, meldeten die Mikroinstrumente und Prozeßschreiber im Kontrollraum: "Kritisch!"

Die 56,2 Tonnen Uran, die bereits seit einem Vierteljahr in Form von fingerdicken Tabletten in 32 185 Brennstäben unter 158 Atmosphären Druck im zehn Meter hohen Reaktor hingen, hielten "den Kernspaltungsprozeß erstmals selbständig aufrecht". So umschrieb die Kummer gewohnte "Nordwestdeutsche Kraftwerke AG" jenen kritischen Vorgang, der in der gesamten Fachwelt beim Namen genannt wird, nur in der Öffentlichkeit nicht, seit die Kernkraftwerken sich einer zweiten Kettenreaktion außerhalb ihrer stahl- und betongepanzerten Atommeiler gegenübersehen, die sie bislang keineswegs unter Kontrolle gebracht haben.

Im Gegenteil, auf die im Kielwasser jedes neuen Kernprojektes wie Pilze aus dem Boden sprießenden Bürgerinitiativen reagierten sie mit bemerkenswerter Ungeschicklichkeit. So verherrlichten sie in ganzseitigen Zeitungsanzeigen die Kernkraft als eine "absolut saubere Energie", die weder Sauerstoff entzieht noch Abgase oder gar Asche produziert, um die Bevölkerung im Unterweserraum für das Kraftwerk Esenshamm zu begeistern.

Dieses mit einer Leistung von 1300 Megawatt in der Tat größte Kraftwerk der Welt (zum Vergleich: Hamburg braucht zur Stoßzeit 1000 Megawatt) soll ab 1976 jährlich 1600 Curie Tritium in die Weser sowie bis zu 438 Curie Aerosole einschließlich Jod, bis zu 4,38 Curie Jod 131 und bis zu 876 000 Curie Edelgase einschließlich Krypton 85 durch den Schornstein in die Luft jagen.

Das sind strahlende Abfallprodukte, die man zwar nicht sieht, die aber dennoch auf den Menschen schädlich wirken. Ihretwegen wird auf den Hauptstraßen der Citys wie in den Tanzlokalen der Provinz ein Kampf geführt, den Udo Janssen, Diplomphysiker der Biophysik und Strahlenschützer der Nordwestdeutschen Kraftwerke (NWK), als "Turbulenzen in der Bevölkerung" bezeichnet. So druckte der aus dem intellektuellen Moordorf Fischerhude bei Bremen von dem ehemaligen "Spiegel"-Redakteur Erich Haye dirigierte "Arbeitskreis gegen radioaktive Verseuchung e. V." bislang eine halbe. Million Flugblätter, um die Bevölkerung über das "Kuckucksei von Esenshamm" (Radio Bremen) aufzuklären.

Der Bonner "Weltbund zum Schutze des Lebens" druckt unter dem Chefarzt Dr. M. O. Bruker aus Lemgo, "Was von den Befürwortern der Atomkraftwerke verschwiegen wird", und verkündet es zudem mündlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Im schleswig-holsteinischen Dithmarschen hat sich die "Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz" gegen das NWK-Kernkraftwerk Brunsbüttel etabliert, dessen Rohbau bereits unwiderruflich hinter dem Deich aufragt, und in Aschaffenburg protestiert die "Aktionsgemeinschaft Umweltschutz Aschaffenburg und Untermain e. V." gegen ein Atomkraftwerk in Groß-Welzheim, das den Weltrekord an der Unterweser einstellen soll.