Eine Hörerin wollte es ganz genau wissen: "Stimmt es, daß der Papst das Tragen von Miniröcken verbieten wird, wenn Norwegen der EWG beitritt?" In dieser Hinsicht konnte sie von der Hörerbriefabteilung ihrer Rundfunkanstalt vollkommen beruhigt werden. Viele andere Fragen, die sich die knapp vier Millionen Norweger im Hinblick auf einen Beitritt ihres Landes zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stellen, lassen sich dagegen nicht so leicht beantworten.

Die größte Sorge bereitet ihnen die Zukunft ihrer Fischerei. Am Streit um diese Frage hatten sich die Gespräche mit der Brüsseler EWG-Kommission trotz monatelanger Verhandlungen immer wieder festgefahren. Die Eurokraten waren nicht bereit, auf die Forderung Oslos einzugehen, für diesen Wirtschaftszweig eine immerwährende nationale Sonderregelung zu schaffen,

Nach dem Wunsch Oslos soll die Zwölfmeilenzone vor der Küste Norwegens für Fischer aus anderen EWG-Ländern auf alle Zeit tabu bleiben. Dies wäre für die Gemeinschaft jedoch ein gefährlicher Präzedenzfall. Er würde andere notleidende Wirtschaftszweige innerhalb der EWG dazu ermuntern, ebenfalls derartige Naturschutzparks zu fordern. Länger als zunächst für zehn Jahre will die Brüsseler Kommission den norwegischen Fischern deshalb keine Ruhe von der Konkurrenz garantieren.

Für Mitteleuropäer ist schwer zu verstehen, warum die Norweger mit solcher Hartnäckigkeit um eine Ausnahmeregelung für die Fischerei kämpfen und notfalls daran den Beitritt scheitern lassen wollen. Denn trotz der nach langem Zögern gegebenen Zustimmung des norwegischen Ministerpräsidenten Bratteli zu dem Brüsseler Fisch-Kompromiß ist noch keineswegs klar, ob Norwegen EWG-Mitglied wird. Für Mitte des Jahres ist eine "beratende" Volksabstimmung vorgesehen, anschließend muß das Parlament mit Dreiviertelmehrheit den in Brüssel ausgehandelten Beitrittsbedingungen zustimmen.

Das Ergebnis dieser Abstimmungen ist noch völlig offen. Dabei ist es für die Industrie des Landes seit langem ein Alptraum, vom europäischen Großmarkt ausgeschlossen zu bleiben. Norwegen ist längst kein Volk der Fischer und Bauern mehr. Seinen Wohlstand verdankt es allein der Industrie. Sie erzeugt mehr als 40 Prozent des Bruttosozialprodukts (Bundesrepublik: über 50 Prozent), und jeder dritte der 1,5 Millionen Erwerbstätigen hat seinen Arbeitsplatz in der Industrie. Schon bisher ging rund ein Drittel des norwegischen Exports in die EWG, nach einem Beitritt der Briten und Dänen wird es mehr als die Hälfte der Gesamtausfuhr sein.

Als Fischer arbeiten dagegen nur noch 35 000 (knapp vier Prozent) aller Erwerbstätigen. Ihr Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Leistung ging trotz aller Subventionen in den letzten Jahren ständig zurück und beträgt gegenwärtig nur noch etwa 1,4 Prozent des Bruttosozialprodukts. Diesem dahinsiechenden Gewerbe notfalls die wirtschaftliche Zukunft des Landes zu opfern, erscheint unsinnig.

Doch in weiten Regionen Norwegens ist der Fischfang die einzige bedeutende Erwerbsquelle. In einem Land, das mit einer Länge von 1752 Kilometer um Oslo "herumgeklappt" bis Neapel reichen würde, an der breitesten Stelle dagegen nur 430 und an der schmälsten 6,3 Kilometer mißt, verhindern Klima und Verkehrsverhältnisse eine auch nur einigermaßen gleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung.