Von Wolfgang Boller

Seid ihr glücklich?“ Der Mann am Rednerpult redet die Faust zur suggestiven Geste von Überzeugungskraft und Siegeszuversicht. In seinen Augen blitzt das kalte Feuer einer pragmatischen Selbstgerechtigkeit, die in Amerika noch immer Erfolg und Religion gleichsetzt und Profit als Segen des Himmels begreift. Reichtum ist Gott wohlgefällig. „Seid ihr glücklich in der Beziehung zum Schöpfer und zur Familie?“ Das ist keine Frage, sondern die Rhetorik eines missionarischen Sendungsbewußtseins. Denn: „Wir sind Nummer 1. Wir sind das größte Hotelunternehmen der Welt! Und wir werden es bleiben!“ Der Mann am Pult artikuliert das Sendungsbewußtsein des amerikanischen Gaststättengewerbes: „Weltfriede und Tourismus.“ Dann verkündet er Marktposition und Umsätze.

Der Mann am Rednerpult ist Präsident William B. Walton von Holiday Inns, Inc. Diese amerikanische Gesellschaft mit einem Grundkapital von 50 Millionen Dollar, 800 000 Aktienanteilen und 40 000 Aktienbesitzern ist tatsächlich die größte, erfolgreichste und meistexpandierende Hotelkette der Welt. Der Präsident spricht im eigenen Haus zu Memphis (einem von 14 in Stadt) auf einer Jahrestagung von mehr als tausend Holiday-Inn-Direktoren, die alle Zungen beherrschen, jedoch allesamt Englisch verstehen und von einer Idee geeint sind, der Holiday-Inn-Idee.

Die Idee war simpel und amerikanisch und hatte mit Weltanschauung zunächst nichts zu tun. Der kleine Bauunternehmer Kemmons Wilson (vom Popcorn-Verkäufer zum Multimillionär) aus Memphis hatte sich vor 20 Jahren im Urlaub über die schlechten Hotels und die hohen Preise geärgert. Er kam mit der Erkenntnis zurück: „Das Hotelgeschäft ist die größte brachliegende Industrie in diesem Land.“ Und er sagte sich, daß man Hotels bauen müßte mit einem gleichen Maß an Standardkomfort, ein paar kostenlosen Extraleistungen und erträglichen Preisen. Doch das war noch nicht die Idee.

Der mißgestimmte Urlauber war von den eigenen Wunschvorstellungen ausgegangen. Die Idee war die konsequente Vervielfältigung nach einem und demselben Standard. Holiday Inn sollte werden und-wurde das Markenzeichen für ein immer gleiches Qualitätsniveau unterhalb der Luxusklasse bei gleichen Annehmlichkeiten und gleicher Behaglichkeit. Das heißt: Ein Holiday Inn ist wie alle, und alle sind wie eins. Wer einmal, irgendwo in einem Hotel der Kette übernachtet hat, wird in einem Holiday Inn keine Überraschungen mehr erleben. Der Reisende von einem Holiday Inn zum anderen weiß, was ihn abends erwartet.

Ein Zimmer von vier mal sechs Metern erwartet ihn mit weichem Auslegteppich und schweren Vorhängen. Die Betten sind breit wie Doppelbetten, und in den Doppelzimmern stehen, in geziemendem Abstand voneinander, zwei solche Doppelbetten. Jedes Zimmer hat Klima-Anlage, Farbfernsehgerät, Telephon, drei Lichtquellen, viele Streichholzbüchlein und eine aufgeschlagene Bibel; im Bad Dusche mit Plastikvorhang, kleine Seifenstückchen, ein Turm von Handtüchern und ein fest montierter Flaschenöffner.

In einem Holiday Inn gibt es immer ein Schwimmbad, eine Cocktail-Bar und Hundezwinger. Kinder unter zwölf Jahren übernachten kostenlos (Wiege gratis). Für ein zusätzliches Bett werden ungefähr sieben Mark berechnet. Parkplatz, Eiswürfel und der Zuspruch eines Geistlichen sind unentgeltlich. Speisekarten und Preise in den Frühstücksstuben, Restaurants und Bars sind ebenfalls einheitlich. In den Bars ist es sehr dunkel und sehr langweilig. Die Getränke sind zu teuer, das Bier (kleines Fläschchen 3,50 Mark) zu kalt. Die Mahlzeiten kommen aus der – Tiefkühltruhe.