Hat Imhoff Hintermänner? – Seite 1

Von Hans Otto Eglau

Einen kleinen rundlichen Herrn sehen die Angestellten der Kölner Firma Gebrüder Stollwerck AG seit einiger Zeit in ihrem Hause ein- und ausgehen: Hans Imhoff, Schokoladenfabrikant aus Bullay an der Mosel. Der Öffentlichkeit stellte sich der gebürtige Kölner vor Jahren in Werbeslogans für sein Produkt "Scho-Ka-Kola" vor, in denen er als "der kleine Dicke" höchstpersönlich in Erscheinung trat.

Jetzt sorgt "der kleine Dicke" abermals für Gesprächsstoff. Vor einigen Wochen wurde die Süßwarenbranche von der Nachricht überrascht, daß er von der Deutschen Bank ein größeres Paket Stollwerck-Aktien übernommen habe. Offiziell hieß es, die Schweizerische Kreditanstalt habe die Papiere (rund 22 Prozent des Stollwerck-Kapitals von 18 Millionen Mark) übernommen. Tatsächlich wurde jedoch weder von Imhoff dementiert, noch von seinen Konkurrenten ernsthaft bezweifelt, daß der pfiffige Schokoladenfabrikant von der Mosel neben der Deutschen Bank (die noch über gut 25 Prozent verfügt) jetzt zweiter Großaktionär des renommierten Markenartikelunternehmens ist. In der seit Jahren stagnierenden Branche kursiert jetzt sogar das Gerücht, Imhoff operiere bei Stollwerck nur noch als Galionsfigur für einen noch im verborgenen abwartenden US-Konzern.

Der 49jährige Hans Imhoff gehört zu den farbigsten Erscheinungen der deutschen Süßwarenindustrie. Anders als die Creme der Schokoladenhersteller von Trumpf bis Tobler und Sprengel bis Sarotti erzielt er den Großteil seines Umsatzes (1971 insgesamt knapp 100 Millionen Mark) mit billigen Handelsmarken für Lebensmittelketten, Waren- und Versandhäuser. Tafeln für andere preßt Imhoff, seit er mit der kostspieligen Einführung seiner eigenen Marken "Knick-und-iß" und "Scho-Ka-Kola" scheiterte. "Ich habe dabei einige Millionen Mark eingebüßt", gesteht er heute.

Schon seit dieser Zeit verbindet Imhoff mit Stollwerck ein enges Kooperationsverhältnis. So läßt er seine Hohl-Schokoartikel in Köln herstellen und bezieht die Kartonagen von der zum Stollwerck-Konzern gehörenden Wellpappenfirma Merkuria. Umgekehrt produziert er für Stollwerck Diabetikerschokolade und Liköreier.

Der Kölner Imhoff -mußte jedoch mit ansehen, wie das traditionsreiche Unternehmen seiner Vaterstadt in den letzten Jahren immer mehr die Orientierung verlor. Zu spät waren den Männern an der Spitze der Firma die neuen Zeichen des süßen Marktes aufgegangen. Ihnen war es nicht gelungen, an Stelle der nach dem Fall der Schokoladenpreisbindung uninteressant gewordenen Tafelware attraktive Spezialitäten auf den Markt zu bringen, mit denen sie dem gnadenlosen Preiskampf mit Dutzenden von Billigproduzenten hätten ausweichen können.

Fehlgeschlagene Markeneinführungen verschlimmerten die angespannte Lage des Konzerns zusätzlich. So wurde die Alkoholpraline "Süßer Hauch" ein eklatanter Reinfall, die gefüllte Schokolade "Slaver" überstand nicht einmal den Testmarkt. Allein im letzten Geschäftsjahr summierte sich bei Stollwerck ein Verlust von sieben Millionen Mark. Ohne außerordentliche Erträge wäre er noch um einige Millionen höher ausgefallen. Innerhalb von nur zwölf Monaten wurden somit 38 Prozent des Kapitals verwirtschaftet.

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Weitreichende Konsequenzen kündigten sich bei Stollwerck bereits im Herbst an, als Vorstandsmitglied Alfred Geimer seinen Posten räumen mußte und Imhoffs Geschäftsführer Hermann Neuhaus das Kommando in Köln übernahm. Die Deutsche Bank, die als Großaktionär des hoffnungslos in die Verlustzone abgerutschten Unternehmens zu Recht den Zorn der 2000 Kleinaktionäre fürchten mußte, war froh, durch ein Zusammengehen mit Imhoff einen Ausweg aus der katastrophalen Lage gefunden zu haben.

Branchenkenner sind sicher, daß Imhoff nach der Übernahme von 22 Prozent der Stollwerck-Aktien jetzt in Köln die Majorität anstrebt. Börseninsider registrieren schon seit Monaten ein reges Interesse nach dem wenig attraktiven Papier. Der Kurs, der noch Anfang November bei 186 gelegen hatte, kletterte bis Montag dieser Woche auf 230 Punkte.

Nach Imhoffs großem finanziellen Engagement bei Stollwerck begann die Branche von neuem darüber zu rätseln, ob der "kleine Dicke" letzten Endes nicht längst in die Abhängigkeit von amerikanischen Interessenten geraten sei. Die deutschen Schokoladenhersteller hatten erstmals im vergangenen Jahr aufgehorcht, als der US-Mischkonzern Foremost-McKesson in San Franzisko bei der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC in Washington den Kauf der zur Imhoff-Gruppe zählenden Berliner Firma Hildebrand meldete. Imhoff hatte das konkursreife Unternehmen 1968 erworben.

Was Imhoffs deutsche Konkurrenten stutzig machte, war der Preis, den die US-Bosse laut Eintragung für Hildebrand zu zahlen bereit waren: rund 130 000 Zwei-Dollar-Aktien des Konzerns, zum damaligen Kurs umgerechnet 13 Millionen Mark. Das Kaufobjekt hatten Intimkenner der Branche zum Zeitpunkt des Übergangs auf Imhoff kaum höher als mit zwei Millionen Mark bewertet. Man munkelte, der Kölner habe seine ganze Gruppe an die Amerikaner verkauft.

Würde diese Vermutung zutreffen, so könnte der bei aller rheinischen Redseligkeit in geschäftlichen Angelegenheiten äußerst verschwiegene Schokoladenfabrikant sich entweder mit seinem Verkaufserlös bei Stollwerck engagiert haben oder aber bereits im Auftrag der hinter ihm vermuteten Amerikaner gehandelt haben. Beiden Versionen tritt Imhoff jedoch energisch entgegen: "Daran ist kein wahres Wort; aus der Sache mit Foremost-McKesson ist seinerzeit nichts geworden."

Interesse am deutschen Süßwarenmarkt bezeugen amerikanische Firmen nicht erst in jüngster Zeit. Allen voran schritt dabei der New Yorker Biskuit-Konzern Nabisco, größter Dauerbackwaren-Hersteller der Welt, der die Firmen XOX in Kleve und Trüller in Celle übernahm und sich in die Hannoveraner Pralinenfabrik B. Sprengel & Co. einkaufte. Erst vor wenigen Wochen bauten die Amerikaner ihre 49prozentige Beteiligung an Sprengel zu einer soliden Mehrheit von 75 Prozent aus.

Ohne Übernahme eines deutschen Unternehmens stieg dagegen die US-Firma Mars zu einem der führenden Schokoladenanbieter auf. Lange vor ihren deutschen Konkurrenten erkannten sie die große Zukunft von Schokoriegeln, mit denen sie heute jährlich über 100 Millionen Mark Umsatz machen. Mars-Spitzenmarken: "Mars", "Bounty", "Milky Way", "Treats".

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Daß Hans Imhoff den Amerikanern nun auch zu Einfluß bei Stollwerck verhelfen wolle, vermögen zumindest Vertraute des Massenfabrikanten von der Mosel sich kaum vorzustellen. Seinem Naturell nach wäre der Urkölner nach ihrer Meinung eher dazu geschaffen, im Triumph nach Köln zurückzukehren und das marode Unternehmen vor dem Ruin zu retten. Der Gedanke, daß die einst strahlende Firma einmal nicht mehr bestehen könnte, ist dem Selfmademan in der Tat schrecklich: "Denken Sie allein an die zahlreichen Beschäftigten und Pensionäre."

Doch längst haben Imhoff und sein zu Stollwerck abgestellter Chef-Manager für das angeschlagene Unternehmen eine harte Gesundkur ersonnen. Sie wollen die Zahl der Artikel von 400 auf unter 180 reduzieren, das den heutigen Anforderungen nicht mehr genügende Management erneuern und vor allem die Qualität der Stollwerck-Artikel spürbar verbessern. Sobald Imhoff, in Köln die Mehrheit erobert hätte, wären durch eine, Zusammenlegung großer Teile der Produktion und des Vertriebs in Köln und Bullay erhebliche Rationalisierungseffekte zu erzielen. Imhoff sybillinisch: "Alles was jetzt getan wird, läuft nach einem genauen Konzept ab."

Die Verlegung der in früheren Jahren Ende Januar abgehaltenen Hauptversammlung auf den gesetzlich spätestmöglichen Termin Ende Februar weckte in den letzten Tagen bereits Gerüchte, den Aktionären würde in aller Kürze ein Übernahmeangebot unterbreitet werden. Doch Hans Imhoff weist alle Spekulationen entschieden zurück. "Es gibt kein Übernahmeangebot." Und was den späten Termin betrifft, so scherzt der "kleine Dicke": "Wenn man so schlechte Nachrichten hat, wartet man am besten, bis man etwas Besseres zu berichten hat."