DIE ZEIT

Pariser Barrieren

Noch immer trägt Europa an der Last des Lothringer Kreuzes. Zu Lebzeiten Charles de Gaulles war es der beherrschende Widerspruch der französischen Politik, daß sie einerseits die amerikanische Hegemonie über die Alte Welt anprangerte, andererseits jedoch in nationalstaatlichem Hochmut verhinderte, daß Westeuropa zu einer eigenständigen Kraft heranwuchs, die zugleich Partner und Widerpart der Vereinigten Staaten hätte sein können.

Entspannung als Einbahnstraße?

Ein Gespenst geht um im Ostblock: das Gespenst der Entspannung. Um die neuen, anscheinend ansteckenden Geister gesamteuropäischer Toleranz zu bannen, werden die alten Geister kommunistischer Intoleranz und Abkapselung beschworen.

Der Debatte erster Akt

Nach ein paar Abstechern in die politische Provinz ist das Ratifizierungswerk zu den Verträgen von Moskau und Warschau nun endgültig dort angekommen, wo allein es entschieden werden kann: in den Gremien von Bundesrat und Bundestag.

Was Erhard einst versäumte...

Selten sind einem emeritierten Politiker so viele Ehren zuteil geworden wie in der vorigen Woche Ludwig Erhard, dem Vater des Wirtschaftswunders.

Neue Federn

In dieser Ausgabe finden unsere Leser zum erstenmal einen Artikel von Rudolf Herlt, der bisher Leiter des Ressorts Wirtschaftskommentare und -Reportagen der Welt gewesen ist.

„Hammelsprung im Affentheater“

Es brauste kein Jubelschrei durch das Auditorium maximum der Freien Universität Berlin. Es gab nur einen schwachen Schlußapplaus wie nach einem schlecht inszenierten Schauspiel.

Herr in Englands Hinterhof

Er ist eher eine prosaische Natur, ein gute Handwerker der Macht. Deshalb liebt er es. wichtige Reden, solche, bei denen die Nation zuhört, mit Stellen aus der irischen Literatur einzuleiten.

ZEITSPIEGEL

Der Mord an dem Gründer und Führer der Frelimo, der Befreiungsbewegung in Portugiesisch-Moçambique, Eduardo Mondlane, scheint mit großer Sicherheit aufgeklärt zu sein.

Viel Taktik, wenig Führung

Zwar gibt es keine Barzel-Krise in der Union, aber-das Tuscheln, das in Bonn schon oft der Vorbote einer Krise war, ist unüberhörbar.

Bewährungsprobe in Baden-Württemberg: Rainer Barzel führt seinen ersten Wahlkampf als Kanzlerkandidat der Union: Mit harten Bandagen

Als Wahlkämpfer zählt Rainer Barzel zu den Großen seiner Partei. Der CDU-Parteiführer und Kanzlerkandidat hat es schwerer als seine Vorgänger; er besitzt nicht die große Autorität Adenauers; er verfügt nicht über die Fähigkeit Ludwig Erhards zur unmittelbaren Kommunikation mit allen braven und biederen Menschen; ihm steht nicht Kurt Georg Kiesingers landesväterliche Grandezza zu Gebote.

Schulzwang für Pazifismus?

ist „wichtig“, die Schüler über die Notwendigkeit einer ausreichenden Verteidigung zu informieren und die Aufgaben, die der Bundeswehr zukommen, sachlich und ohne Werbung aufzuzeigen.

Wolfgang Ebert:: Schwere Jungs

Ich hatte mich dem in eine Festung verwandelten Gerichtsgebäude, wo ich dem Prozeß gegen den angeblichen Anarchisten beiwohnen wollte, bis auf wenige Schritte genähert, da zeigte aus der wartenden Menge ein Finger auf mich, und eine Frauenstimme rief: „Das ist sie, die Meinhof!“ Eine andere widersprach: „Nein, das ist Gudrun Ensslin.

Tauziehen um den Verkehrsvertrag

Die DDR läßt sich Zeit bei den Verhandlungen über einen allgemeinen Verkehrsvertrag. Nach der Rückkehr Staatssekretär Bahrs aus dem Urlaub gab es nur zwei Gesprächsrunden in Ost-Berlin und Bonn; dann fuhr Ost-Berlins Staatssekretär Kohl zur Kur.

Edgar Salin wird 80: Weise ohne Resignation

In diesen Tagen feiert Edgar Salin seinen achtzigsten Geburtstag. 1892 geboren, hatte der Zweiundzwanzigjährige, kurz bevor er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zog, 1914 bei Alfred Weber in Heidelberg mit summa cum laude promoviert.

Europa muß noch warten

Frankreich und die Sicherheit des Kontinents: keine grundsätzliche Neuorientierung

Sadat am Zügel

Der Nebel, in den der Nahe Osten seit der Jahreswende gehüllt war, hat sich gelichtet. Die politischen Konturen sind dennoch nicht klarer geworden.

Steuer-Skandal in Paris

Frankreich findet wieder Vergnügen an einer jener Komödien, die es sich von Zeit zu Zeit selber vorspielt. Stücke dieser Art gefallen ihm um so mehr, als es annehmen kann, jeder, der nur die Vorgänge auf der Bühne verfolge, werde alles für eine Tragödie halten.

Nixons Nasenstüber

Wenige Tage vor der historischen Reise des Präsidenten hat sich eine unverkennbare Vorfreude auf China über Amerika ausgebreitet.

Links-Psychose

Die Kulisse wäre eines gefährlichen Schwerverbrechers würdig gewesen; Münchens Polizei und Justizbehörden hatten nichts versäumt.

Politik verständlich

Der Hörer des Hessischen Rundfunks (HR) im rheinland-pfälzischen Mainz schrieb nur wenige Worte: „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer 16-Uhr-Sendung!“ Die Kollegen urteilten distanzierter: „Die aktuelle Nachricht ist einem Überangebot an Interpretation gewichen“ (Evangelischer Pressedienst.

Warten auf Sanierungssegen

Unter sparsamen Kommunalpolitikern genießt die Residenz des Rechts nicht den besten Ruf, denn in der Pro-Kopf-Verschuldungsskala der deutschen Städte behauptet Karlsruhe – hinter Offenbach – den zweiten Rang.

Kein ,Fall‘ im Spiegel

Hamburg Den Linken sei’s geklagt: Die Entlassungen des Kolumnisten Otto Köhler und des Redakteurs Dieter Brumm beim Spiegel sind kein „Fall“.

Dokumente der ZEIT

„Es muß darauf hingewiesen werden, daß es das Blut und der Schweiß der Afrikaner waren, die den modernen Kapitalismus in seinen frühen Anfängen genährt haben.

Krisenherde der Woche

Der „Blutsonntag“ von Londonderry hat sich nicht wiederholt. 20 000 Bürgerrechtler, die am Sonntag mit einem (verbotenen) Schweigemarsch in der nordirischen Grenzstadt Newry gegen die Ermordung von 13 jungen Iren in Londonderry protestierten, ließen sich auf keine Zusammenstöße mit der britischen Armee ein.

Vorsichtiger Optimismus bei SALT

Mit einem Abschiedsglas beim österreichischen Präsidenten Jonas (links) beendeten der sowjetische Delegationsleiter Wladimir Semjonow (Mitte) und sein amerikanischer Kollege Gerard Smith (rechts) am Freitag die sechste Runde der Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT).

Ostverträge im Bundesrat

Das Plenum des Bundesrates befaßte sich am Mittwoch in erster Lesung mit den Ostverträgen der Bundesregierung. In den Tagen vor der Debatte debattierten noch einmal mehrere Landtage über das Vertragswerk.

Schlag gegen die Opposition in Sambia

Präsident Kenneth Kaunda von Sambia hat den Vorsitzenden der oppositionellen Vereinigten Fortschrittspartei des afrikanischen Staates, den früheren Vizepräsidenten Simon Kapwepwe, verhaften lassen.

Bildungspolitik: Sorgen der Union

Nach der Bekanntgabe des Rücktritts von Bundeswissenschaftsminister Leussink haben in der CDU/CSU die Befürchtungen zugenommen, die Regierungskoalition könnte in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode einen Alleingang in der Bildungspolitik versuchen.

Das Hauptthema ist Europa

Probleme der Europäischen Gemeinschaft stehen im Vordergrund der Gespräche, zu denen Staatspräsident Pompidou und Bundeskanzler Brandt in dieser Woche in Paris zusammenkommen, Vor seiner Reise nannte Brandt auf einer Pressekonferenz in Bonn folgende vorrangige Themen für das Gipfeltreffen: die Ingangsetzung der Wirtschafts- und Währungsunion, eine größere Effektivität der europäischen Organe und die Außenbeziehungen der Gemeinschaft.

Italien: Andreottis Versuch

Die italienische Regierungskrise dauert an. Ex-Ministerpräsident Colombo gab in der vorigen Woche sein Mandat zurück, nachdem es ihm nicht gelungen war, die Parteien der bisherigen Koalition der Linken Mitte (Christliche Demokraten, Sozialdemokraten, Sozialisten und Republikaner) zusammenzubringen.

Streit um Vietnam-Frieden

Präsident Nixons Vietnampolitik geriet wider Erwarten rasch in neues Kreuzfeuer – sowohl drinnen wie draußen. An die Verkündung seines entgegenkommenden Acht-Punkte-Friedensplanes hatte Washington zunächst drei Erwartungen geknüpft: 1.

Pessimistisches Urteil

Die Schulen und Hochschulen stecken gegenwärtig viel Schelte ex cathedra ein. Zuerst war es der Bericht der OECD-Examinatoren, die das Bildungssystem der Bundesrepublik geprüft und für veraltet befunden hatten.

Das Idyll ist kaputt

Plötzlich sind sie wieder da, die Täler und Höhen, die Wälder und Auen, die Wiesen und Felder. Junge Regisseure haben die deutsche Landschaft als Kulisse für ihre Filme wiederentdeckt.

Fernunterricht in Deutschland (II): Ein Busfahrer wird Lehrer

Der Name wirkt ein wenig hochgestochen und kann zu falschen Schlüssen führen: Akademikergesellschaft für Erwachsenenfortbildung – ist das ein Klüngel von Studierten für Studierte? Das Gegenteil trifft zu: die AKAD ist eine Fernschule für alle Bürger.

Deutsche Denkmalspflege in Tokyo

Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Professor Grewe, sprach eine Stunde lang. Der Geruch von Huhn, in Mehlpampe gekocht, hing noch in der Luft: Gala-Diner bei der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Tokyo.

Korrekter Fernunterricht

Die folgenden Institute – 16 von etwa 130 – erfüllen die „Merkmale des korrekten Fernunterrichts“ der Aktion Bildungsinformation bzw.

Tagesreise ins Landesinnere

Daß ich mich rasch vorstelle mit dem, was ich tue zur Zeit: Ich habe den Job, der einen unserer landestragenden Parteien dazu zu verhelfen, daß sie nach dem Ende des Wahlkampfs genug Stimmen hat, dies Land alleine regieren zu können.

Was ist eine Originalgraphik?

Das Geschäft mit der Graphik floriert. Es hat in den letzten Jahren einen Umfang angenommen, der alle optimistischen Prognosen bei weitem übertrifft.

ZEITMOSAIK

Neuigkeiten aus dem Galerienhaus in der Kölner Lindenstraße 22 (dem einzigen seiner Art in der Bundesrepublik): Die Galerie Müller hat eine Kunst-Börse eröffnet, die Sammlern, die sonst nur auf Auktionen ihr Heil versuchen können, permanent die Möglichkeit gibt, Kunst zu kaufen und zu verkaufen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Die einen loben seine Werktreue, die anderen seine Fähigkeit, Musik „singen und atmen“ zu lassen, die dritten wissen noch heute Schauergeschichten über den schnell Aufbrausenden zu erzählen – in den Platten hört man Vitalität und Präzision, Spontaneität und Dramatik.

Kunstkalender

Nicht in der pompösen neuen Kunsthalle, sondern nebenan im alten, behaglichen kleinen Museum für Kulturgeschichte hat Bielefeld diese Cranach-Ausstellung eingerichtet, die erste in der Bundesrepublik, die an Cranachs 500.

FILMTIPS

„Die Cowboys“, von Mark Rydell. Dieser ganz in der Tradition der großen Trail-Western „Cowboy“ von Delmer Daves und „Red River“ von Hawks stehende Film läßt John Wayne noch einmal all das zelebrieren, was man seit spätestens Fords „Stagecoach“ trotz allem an ihm mag.

Viele leere Häuser

Drei von den fünf ausländischen Truppen, die Walther Schmieding im vergangenen Herbst zu den Berliner Festwochen einlud, verweigerten den Auftritt in einem der so zahlreichen Berliner Theatergebäude.

KRITIK IN KÜRZE

„Kriegsbücher“, von Theodor Fontane, Faksimile-Wiedergabe der Originalausgaben. Theodor Fontanes Spätwerk enthält eine Summe von gesellschaftlichen, politischen und militärischen Erfahrungen, die er nicht nur auf seinen zahlreichen Wanderungen und Reisen erwarb, sondern auch auf den Kriegsschauplätzen von Jütland, Deutschland und Frankreich.

Guter Onkel Doktor

Da hofft man, endlich einmal Genaueres über diejenigen zu erfahren, die aus der Krankheit ihrer Patienten klingendes Geld machen.

Fernsehen: Subkultur kulinarisch

Definiert man die Subkultur als die – vor allem ästhetischen – Artikulationsformen des Underground, also jener jugendlichen Gegenwelt der Beatniks, Hippies, Yippies, Gammler, Provos und so weiter, so müßte man ihren Ausverkauf spätestens 1967/1968 datieren, als die Hippies aller Welt ihre eigene Pervertierung zum Schauvergnügen der Bürger in dem Musical „Hair“ bejubelten.

Pip Simmons Theatre in Hamburg: Terror über Terror

Was am ersten Abend, bei „Alice in Wonderland“, als freundliches, meist lustiges, manchmal angestrengt langweiliges Nonsens-Geplapper an das Ohr des Hamburger Publikums im Malersaal gedrungen war, was sich da, ein bißchen höhnisch und ziemlich witzig durch die Reihen drängte, den Zuschauern am Ende einige Bananenstückchen oder Tomatenmatsch zuwerfend – das zeigte sich am zweiten Abend, bei „Do it“, entschlossen, dem Publikum kräftig eins vor den Latz zu knallen.

Zu blöd geblödelt

Eine Blödelei muß nicht blöde sein. Bei dem jedoch, was Dieter Hildebrandt mit seinen Lach- und Schießkumpanen am Samstagabend über die Bühne blödelte oder leider nicht blödelte, war man sich nicht mehr ganz sicher.

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