Nord III mittwochs (Wiederholung sonntags), wöchentlich; West III sonntags, wöchentlich; Hessen III sonntags, monatlich: „Sympathy for the Devil.“

Definiert man die Subkultur als die – vor allem ästhetischen – Artikulationsformen des Underground, also jener jugendlichen Gegenwelt der Beatniks, Hippies, Yippies, Gammler, Provos und so weiter, so müßte man ihren Ausverkauf spätestens 1967/1968 datieren, als die Hippies aller Welt ihre eigene Pervertierung zum Schauvergnügen der Bürger in dem Musical „Hair“ bejubelten. Man kann auch schon früher beginnen, bei der Entdeckung des Beat durch das bürgerliche Feuilleton oder erst beim Katzenjammer von Altamont, beim Tod von Janis Joplin und Jimi Hendrix. Fest steht jedenfalls, daß die Grenzen von Underground und Overground nicht mehr fixierbar sind, weil sie teils in der total kommerzialisierten und hinsichtlich der Moden und Stile anarchistischen Rock-Kultur, teils in der kriminalisierten Drogenszene aufgeweicht sind.

Die neun Autoren der NDR-Serie Sympathy for the Devil“, die von jugendlicher Subkultur und ihren Ausdrucksformen handelt, gehen das Phänomen Underground unhistorisch an: Sie bündeln den Stoff thematisch statt dialektisch und argumentieren politisch und soziologisch immer nur im Bezugskreis einzelner inhaltlicher Aspekte. Sie suggerieren also dauernd eine Reportage über die Jugend hier und heute und grasen doch weitgehend auf historischem Terrain – das viele Fremdmaterial in den insgesamt dreizehn Folgen der Serie beweist es zur Genüge. Arbeits- und fernsehtechnisch mag das nicht anders möglich sein, doch gelegentlich verzerrt dieses Prinzip das, was man etwas hochtrabend den soziokulturellen Kontext nennen könnte.

Das Team hat sich viel vorgenommen. Es will das gesellschaftliche Rollenspiel, die alten und die neuen Werte und Normen analysieren, will die Mythen, Idole und Ideologien der Protestgeneration darstellen, und das so, daß es das „Getöse der allgemeinen Medienofferten“ übertönt; es will (kein neues Fernseh-Unternehmen ohne Zielgruppe und „feedback“-Effekte!) die von den Dritten Programmen vernachlässigten Schüler und Lehrlinge ansprechen und mit Begleitmaterial, Wiederholungen und mit Zusatzsendungen im Hörfunk die Erkenntnisse und Erfahrungen jeder Folge vertiefen; es verzichtet bewußt auf eine formal-ästhetische Kontinuität in der Serie.

Besonders das letzte führt gelegentlich zu kuriosen Seitensprüngen: Der seligen Beatles „She’s leaving“ als naturalistisch ausgespieltes bürgerliches Rührstück, ein Schauspieler, der mit „Wort zum Sonntag“-Furor ein paar Kernsätze über die moderne Jugend in die Kamera spielt, elektronische „Beatclub“-Mätzchen zu der originellen „gesungenen Moderation“ von Alexis Korner oder der schrecklich geziert-verbindlich und schulmeisterlich gesprochenen von Manfred Miller, schließlich auch die manieristischen Titel einiger Folgen („Magara oder: Das Glück, Angst zu haben“; „Superstars. Beiträge zur Erfahrung der Einsamkeit“), die vor lauter Bedeutsamkeit nichts mehr sagen und die in merkwürdigem Widerspruch zu den betont didaktischen „Kursusprogramm“-Phasen stehen.

An diesem Mißverhältnis scheiterten vor allem die zwei Folgen über die afro-amerikanische Musik: All dem Unfug, der über die Begriffe Soul und Blues schon gesagt und geschrieben wurde, fügten sie zwei Dreiviertelstunden lang einen optisch wie textlich diffusen Brei hinzu, in dem die verschiedensten politischen, sozialen, historischen und lokalen Zusammenhänge so wild durcheinanderpurzelten wie die Formen ihrer ästhetischen Präsentation.

Schlimm war auch die fünfte Folge über die programmierte Konsumwelle der Jugend. Eine gute Idee und ein paar soziologische Phrasen gingen unter in süffig ausgekosteten Bildern eben jener Mode-, Freizeit-, Werbe- und Illustriertenweit und in einem dazu beziehungslosen Trommelfeuer von unkritisch übernommenen und, weil ohne Relationen dargeboten, bedeutungslosen Zahleninserts. Nichts über die Erfolgsgründe der Mode- und Freizeit-Werbung bei den Jugendlichen, nichts über ihren Konsumterror untereinander, nichts über die Diskrepanz des Totalangebots und der Langeweile, in die es seine Konsumenten entläßt.