Von Robert Lucas

In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg, das hat der britische Sachverständige William Crawley errechnet, wurden in England 50 000 antike Möbel verkauft, deren Echtheit zumindest zweifelhaft ist. Viele von ihnen schmücken jetzt die Häuser kunst- und investitionsbeflissener Engländer, andere sind die pièces de resistance der Salons amerikanischer Millionäre. Manche sind ganz unverschämte Fälschungen. Spätviktorianische Kommoden wurden umgetischlert, ihrer die spätere Provenienz verratenden Zierleisten und Intarsien beraubt und mit stilgerechten Beschlägen, Schnitzwerk und Wurmlöchern versehen. Schränke wurden durch Vermählung mit Möbelstücken anderer Herkunft "antikisiert" und Toilettentischchen und Bureaus, die vor ihrer "Entdeckung" ein Aschenbrödeldasein in Trödlerläden fristeten, einem radikalen face-lift unterzogen, um als "echt Sheraton" verkauft zu werden. Auf diese Weise wurden Preise erzielt, die das Zehn-, Fünfzig- oder Hundertfache des eigentlichen Wertes darstellten.

Andere dieser "antiken" Möbel können sich einer vollkommen legitimen Geburt rühmen, sind aber nicht zweihundert Jahre alt, wie ihre Besitzer annehmen, sondern bestenfalls hundert. Es handelt sich um rechtschaffene viktorianische und spätere Reproduktionen von Originalen aus der Glanzzeit der englischen Möbeltischlerei. Schon 1829 empfahl sich eine Londoner Firma als Lieferantin von "Ornamenten im elisabethanischen, holländischen, Louis-Quatorze- und Franz-I.-Stil, mit deren Hilfe das Äußere von Truhen und Schränken auf billige Weise verschönt und interessant gemacht werden kann". Heute werden solche Kopien teils in aller Unschuld, teils bewußt irreführend als echte Chippendale-, Hepplewhite- oder Sheraton-Möbel angeboten und zu enormen Preisen verkauft.

William Crawley wird von anderen Experten maßlose Übertreibung vorgeworfen. Nicht, daß er sich so leicht geschlagen gäbe. Er studierte die Materie sieben Jahre lang, bevor er mit seinen Enthüllungen vor die Öffentlichkeit trat, und behauptet, die Zahl von 50 000 "zweifelhaften" Möbeln mit Hilfe von Aufzeichnungen und Rechnungen der Schreiner und Restauratoren belegen zu können. Er selbst ist ein alter Praktiker. Als er noch Tischlerlehrling war, arbeitete er an einem nierenförmigen Toilettentischchen aus Satinholz, das, als sein Werk beendet war, für sechs Pfund verkauft wurde. Viele Jahre später sah er sein Tischchen wieder, auf einem der Antiques Fairs, die sich in England so großer Beliebtheit erfreuen. Es war als echtes Sheraton-Stück ausgegeben, sein Preis war 700 Pfund, und es war bereits verkauft. Einer seiner Freunde "in der Branche" verkaufte im Laufe von sieben Jahren fünfhundert von ihm selbst hergestellte "echte" Chippendale-Stühle und konnte sich daraufhin für den Rest seines Lebens zur Ruhe setzen.

Aber es handelt sich natürlich weitgehend um eine Frage der Interpretation. Wann macht eine großzügige Reparatur ein echtes antikes Möbel zur Fälschung? Büßte ein Louis -XV-secretaire seine Seele ein, wenn es nach einem halben Jahrhundert in die Werkstatt eines ebeiste oder menuisier kam und einige seiner Bestandteile durch neue ersetzt wurden? Verlor eine Großvateruhr aus den Tagen der Queen Anne ihre Unschuld, wenn sie zwei Jahrhunderte später frisch lackiert wurde?

50 000 – die Zahl mag anfechtbar sein, aber die Mathematik der Chippendale- und Sheraton-Möbel ist eben keine exakte Wissenschaft. Es ist berechnet worden, daß es gegen Ende des 18. Jahrhunderts höchstens zweitausend englische Familien gab, die es sich leisten konnten, die Preise der großen Möbeltischler zu bezahlen. Heute gibt es aber, wie Crawley betont, allein in den Vereinigten Staaten nahezu zweitausend Häuser, in denen ein Raum oder mehrere mit eleganten englischen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet sind. Wenn man hierzu jene in vornehmen Heimen auf den Britischen Inseln zählt sowie die Schaustücke in den Museen aller Länder der Welt, dann erreicht man Zahlen, die ebenso phantastisch sind wie die imposanten Quantitäten von Kreuzsplittern von Golgatha und anatomischen Heiligenreliquien in den Kirchen und Klöstern Italiens, Spaniens und Griechenlands. In beiden Fällen handelt es sich offenbar um eine Frage des Glaubens. Und es sind nicht immer nur die Käufer, die guten Glaubens sind, sondern auch – und das muß betont werden – die Händler.

Niemand behauptet, daß die englischen Händler unehrlicher sind als die anderer Länder, im Gegenteil. Aber die erstaunliche Vervielfältigung von "Urväter Hausrath" war vermutlich unvermeidbar, da nun einmal der Kunsthandel big business geworden ist, und die Zahl der dokumentierbar echten Alten Meister und antiken Möbel, die auf den Markt kommen, immer geringer wird. Allerorts haben die oberen Zehntausend – und nicht nur diese – entdeckt, daß es profitabel ist, in Kultur zu investieren. Moderne Möbel werden eben rasch unmodern, aber antike werden immer antiker. Und erfüllen diese heiß begehrten Objekte heutzutage nicht noch eine ganz andere Funktion, als bloß gute Kapitalsanlagen und Statussymbole zu sein?