DIE ZEIT

Gespaltene Zunge

Die Opposition führt ihren Kampf gegen die Ostverträge mit gespaltener Zunge. Draußen im Lande heizt sie die Emotionen an. Im baden-württembergischen Landtagswahlkampf argumentiert sie so, als gelte es, vor allem die NPD-Stimmen zu gewinnen.

Einäugig

Die Soldaten schießen auf jeden Flüchtling, der über die Grenze will. Mit Hunden an langen Leinen und Schnellbooten mit Scheinwerfern versuchen sie jeden Fluchtversuch zu vereiteln.

Rechtsruck

Der Wahltag, auf den Italien zusteuert, wird ein Zahltag auf Kosten der Democrazia Cristiana (DC) und zugunsten der Neofaschisten werden.

Nixons Reise ins Ungewisse

Von Bismarck stammt das Wort: „Die politischen Entwicklungen gehen so langsam wie die geologischen.“ Der Eiserne Kanzler dachte dabei nicht an Vulkanausbrüche, an gewaltige Auffaltungen oder heftige Verwerfungen, die in der Geschichte der Erde die gleiche Ausnahme bilden wie die Kriege im Leben der Völker.

Notwendiger Kompromiß

Die Bundesregierung hat mit ihrem Entwurf zur Reform des Strafgesetzparagraphen 218 eine Lösung gefunden, die niemanden befriedigt.

Amoklauf im Maximilianeum

Zunächst sah das Ganze wie ein Faschingsscherz aus: Bayern, so hatte Richard Stücklen, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe in Bonn, verkündet, brauche ein vollausgebautes bayerisches Fernsehprogramm, deshalb müsse der Bayerische Rundfunk aus der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands austreten.

Mit Moral im Marschgepäck

Er hatte seine Rede vor dem Bundesrat am Mittwoch vergangener Woche noch nicht beendet, als in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens bereits das Telephon schrillte.

ZEITSPIEGEL

„Daß sich die CDU/CSU als der einzige Fußkranke Europas auf dem 50-Kilometer-Marsch zum Frieden darbietet, ist keine Schande, ärgerlich ist nur, daß sie immer wieder behauptet, die anderen seien getürmt.

Parlament als Großbüro

Der Vizepräsident des Bundestages und hessische SPD-Abgeordnete Schmitt-Vockenhausen hat vorgeschlagen, im Bundestag Kurzdebatten zu aktuellen politischen Themen einzuführen.

Filbingers Drohung

Am 28. Januar hat sich der Bund nach langem Streit mit den Ländern geeinigt, deren Anteil an der Umsatzsteuer von 30 Prozent auf 35 Prozent zu erhöhen.

Auftakt zu einer neuen Ära

Nixons Besuch in Peking ist weit über seine Optik hinaus wichtig für Amerika, die Völker Asiens und die Beziehungen zwischen den rivalisierenden Großmächten.

Wie im alten Rom

Wenn britische Politiker drastische Vergleiche suchen, greifen sie gern auf die Geschichte des alten Rom zurück. Es scheint da imperiale Parallelen zu geben.

„Züge haben manchmal Verspätung“

Es ist einsam geworden um die beiden Alten in ihrer Wohnung an der Warschauer Jerusalem-Allee. Er, den Siebzig nahe, ist schwerkrank; wegen akuter Arthritis schwebt er in Gefahr, beide Beine zu verlieren.

Gerät Brandt in Zeitnot?

Der Bundeskanzler scheint schnelle Erfolge seiner Deutschlandpolitik nicht mehr zu erwarten. Er erklärte kürzlich jedenfalls, er sei nicht sicher „in der Beurteilung der Möglichkeiten, auf kürzere Sicht zu einem allgemeinen Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR zu kommen“.

Im Konflikt mit sich selbst

Bekommt Israel der Fast-Friede nicht, der inoffizielle Waffenstillstand an Suez und Jordan? Die von Affären und Skandalen, Protesten und Demonstrationen bestimmte innenpolitische Szene Israels scheint darauf hinzudeuten.

Keine Angst vor Frau Gandhi

Der pakistanische Präsident Bhutto, der nach Peking nun auch Moskau besuchen will, bereitet sich gleichfalls auf ein Gespräch mit der indischen Ministerpräsidentin Indira Ghandi vor.

Kleines Bremen, feines Bremen

Undreicher“, ließ Bremens grand old man, Altbürgermeister Kaisen, von seiner Scholle am Rand der Freien Hansestadt Bremen vernehmen, „wird auch keiner, wenn viele in einen Pott kommen.

Fischig

Es geht um den CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Jürgen Echternach, den Hamburger Oppositionsführer. Für den Erwerb einer Eigentumswohnung mit Elbblick ließ er sich von der Hamburgischen Wohnungsbaukasse ein Darlehen von 100 000 Mark geben (Laufzeit 20 Jahre, Zinsen 5 Prozent).

Wunsch nach Veto

Krach um die Zeitschrift „analysen“ – Die Bundesanstalt für Arbeit will mehr Einfluß

Falsch gehandelt

Ich stimme Ihnen zu, daß ein Herrn Echternach gewährtes Darlehen, mit Mehrheit des Verwaltungsrats der Wohnungsbaukasse gewährtes Darlehen, rechtlich in keiner Weise zu beanstanden ist.

Zwischen Tradition und Transistoren

Die Schlußzeremonie in dem überfüllten Makomanai-Eispalast dürfte als symbolisch für die vergangenen elf Tage angesehen werden: Ehrfurcht vor dem Kronprinzen und der Gemahlin, die zwischendurch einmal Tee trinken gingen, zuerst Freude, dann Erstaunen über vielleicht, dreihundert Mädchen, die es in andressierter Windeseile fertigbrachten, vor der Tribüne die fünf Ringe zu formieren und anschließend die Buchstsaben des Ortes „Denver“ darzustellen, und schließlich der elektronisch auf einen riesigen Fernsehschirm übertragene Kitsch, auf dem das Feuer im nahen Eisschnellaufstadion erlosch, begleitet von einem Riesenchorus hellblau gekleideter Mädchen, die irgend etwas mit „Sayonara“ sangen.

Maskottchen für Millionäre?

Zwei Jahrzehnte lang ist den DDR-Sportlern eingetrichtert worden, sie müssen gegen westdeutsche Sportler durch Siege die Existenz ihres Staates untermauern.

Bob-Verrückte aus Ohlstadt

In der Liste der rund sechzig deutschen Sportverbände stehen sie an vorletzter Stelle: Nur die modernen Fünfkämpfer haben in ihrem Verband noch weniger Mitglieder aufzuweisen, als der Deutsche Bob- und Schlittensport-Verband (DBSV).

Krisenherde der Woche

Südvietnam bereitete sich in der vergangenen Woche verstärkt auf eine mögliche Großoffensive der Nordvietnamesen und des Vietcong vor.

Enttäuschung in Warschau

Herbert Wehners fünftägiger Besuch in Polen hat deutlich gemacht, daß Warschau den Ausgleich mit Bonn beschleunigen möchte. Bei seinen Gesprächen mit Parteichef Gierek, Ministerpräsident Jaroszewicz, Außenminister Olszowski und anderen führenden Politikern ist der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende mit einer gewissen Ungeduld und Enttäuschung darüber konfrontiert worden, daß der Normalisierungsprozeß noch nicht in festen Bahnen verläuft.

Paris demonstriert Einigkeit mit Bonn

Staatspräsident Pompidou fand nach den deutsch-französische! Konsultationen, zu denen Bundeskanzler Brandt mit den Ministern Scheel und Schiller nach Paris geflogen war, am Freitag voriger Woche Worte von lange nicht mehr gehörter Freundlichkeit: Die Ergebnisse seien „extrem positiv zu bewerten“.

Amerika wünscht sich starke Partner

Eine Woche vor seiner Abreise nach Peking, unterbreitete Präsident Nixon Mitte vergangener Woche dem Kongreß seine „Botschaft über die Lage der Welt“, die nach Meinung seiner innenpolitischen Kritiker „bei weitem die nützlichste, ernsthafteste und intelligenteste Darlegung seiner Politik“ ist.

Bedenken im Bundesrat

Der Bundesrat beschloß in der vergangenen Woche bei der ersten Lesung der Verträge mit Moskau und Warschau mit 21 gegen 20 Stimmen, das Vertragswerk abzulehnen, wenn es der Bundesregierung in den nächsten Wochen nicht gelingt, schwerwiegende Bedenken auszuräumen.

Nicaragua: Somozas Sieg

Nicaraguas Präsident Anastasio („Tachito“) Somoza Debayle, 45 Jahre alt, fünftes herrschendes Mitglied eines weitverzweigten Familienclans, rund 500 Millionen Dollar schwer und als Chef der Somoza-Dynastie direkt und indirekt Herr über zwei Drittel des mittelamerikanischen Staates, hat sein Ziel erreicht.

Dokumente der ZEIT

Friede in Asien und Friede in der Welt haben zur Voraussetzung, daß wir unsere Meinungen austauschen, nicht so sehr trotz unserer Differenzen, sondern wegen unserer Differenzen.

Jeder Satz eine Wundertüte

In blau-gelb-rot gestreifter Hose, ein leuchtendrotes „S“ (ist er doch der superman?) auf der Brust, hängt Jesus mit ausgebreiteten Armen an Brust, Maschendraht-Gitter und singt: „O Gott, ich blute; o Gott, ich sterbe; o Gott, bin Gott, – dann nehmen seine Mitspieler ihn vom Zaun, tragen ihn auf ihren Mitspieler durch die Zuschauer und jubeln im Beat-Rhythmus: „Lang leb’ Gott.

Fernunterricht in Deutschland (III): Hilfe für Hunderte

Daß er zum „Engel der Fernschüler“ stilisiert wurde, gefällt ihm auch nicht. Eberhard Kleinmann, Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart und Vorsitzender der Aktion Bildungsinformation, sieht seine Tätigkeit realistischer: als eine Schutzfunktion für Bildungswillige, die bei dem Versuch in Not geraten sind, sich durch Fernunterricht weiterzubilden.

Wenn Bilder verduften

Das Photo ist wohlbekannt: Ein Mann in reiferen Jahren mit Dienstmütze oder ein Herr in den besten Jahren mit gelichtetem Haupthaar steht vor einer leeren Wand, auf die er mit spitz anklagendem Finger zeigt: Hier fehlt, so weiß der Zeitungsleser die pantomimischen Künste der sofort als Museumswärter oder Direktor identifizierten Menschen auch ohne Bildunterschrift zu deuten, ein Kunstwerk.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Die hier vorliegende Doppel-LP ist ein faszinierender Rückblick auf die Ära des Drogen-Rock, der sich damals als politisch fortschrittlich verstand.

Ein Schloß mit sieben Siegeln

Noeltes erster Kinofilm ist drei Jahre alt, und fast schien es so, als ob die Verfilmung des „Schlosses“ auf ihrem Weg in die Kinos lange auf einen Kafkaschen Türhüter gestoßen wäre, der ihr den Einlaß durch eine doch für sie bestimmte Eingangstür verwehrt hätte.

ZEITMOSAIK

Der deutsche Pavillon auf der diesjährigen Biennale in Venedig wird mit den Werken nur eines Künstlers bestückt werden: Kommissar Dieter Honisch entschied sich für Gerhard Richter.

Linke Schminke

Die „repressive Gesellschaft“ wie das „falsche Bewußtsein“ müssen auch in Frage gestellt werden dürfen!

Kunstkalender

Beeindruckt von Ittens kunstpädagogischen Fähigkeiten und seiner Unterrichtstheorie berief Gropius den Hölzel-Schüler als Leiter des grundlegenden Vorkurses an das neugegründete Bauhaus.

FILMTIPS

„Blue Movie“, von Andy Warhol. Das deutsche Kinopublikum lernt Warhols Entwicklung rückwärts kennen: nach den späten kommerzielles factory-Produktionen „Flesh“ und „Trash“ nun einen zwar noch allein in der Kamera entstandenen Film, aber schon mit allen Anzeichen von Inszenierung und Arrangement, Handlung und skizziertem Dialog.

KRITIK IN KÜRZE

„Handbuch der Weltpresse“; hrsg. vom Institut für Publizistik an der Universität Münster. Die fünfte Auflage des Handbuches nennt 2082 große und 5015 kleine Zeitungen.

Pennälerwitz und Stammtischlatein

Es gibt kein Einheitsrezept dafür, wie Geschichte zu schreiben sei: Rankes Ernst und Voltaires Frivolität sind legitim, Analyse und Anekdote haben ihr Recht, Wissenschaftlichkeit und Volkstümlichkeit finden ja ihr Publikum.

Stimmen einer heilen Welt

Ganz ohne Frage, die Berichterstattung über die DDR ist bei uns in eine Krise, in eine Art Sackgasse geraten. Die Zeit der Grau-in-Grau-Sackgasse der halb verwunderten, halb verschreckten Reise-Impressionen aus einem anderen, fremden Land ist dahin – wie der Kalte Krieg.

Fernsehen: Der Herrgott im OP

Seltsam, da habe ich nun zwanzig Jahre lang meinen Freund Karl für einen Chirurgen gehalten, und die Geschichte, die er mir bei Gelegenheit einmal erzählte, schien mir bezeichnend für die nüchtern-sachliche Manier zu sein, mit der er und seinesgleichen ihr Handwerk ausüben: bei einer Weihnachtsfeier habe er mit seinem Kollegen, dem Oberarzt Victor, geknobelt, wer die Zwei-Minuten-Ansprache vor der Klinikbelegschaft halten müsse und wer, zur gleichen Zeit, den Kaiserschnitt machen dürfe.

Pauls Aschermontag

Am Schluß war es wie beim Winterschlußverkauf: Vom Erfolg verführt, warf die Firma Ramsch und Reste auf den Markt, allerdings zum alten Preis.

Neue Hearings

Das ZDF hat in der vergangenen Woche eine patentwürdige Erfindung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie heißt „Zwei-Minuten-Hearing“ und ist bei geschickter Bedienung sogar in der Lage, den Redefluß eines Franz Josef Strauß nach zweimal sechzig Sekunden vorübergehend zu unterbrechen.

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