„Das enteignete Bewußtsein“ – Zur dialektischen Sozialpsychologie, von Hans Kilian. Kilian geht davon aus, daß menschliche Selbsterkenntnis, mag sie sich auch für ewig gültig ausgeben, historisch veralten und in Verzug geraten kann gegenüber der fortschreitenden Realität. Während die Mobilität der Geschichte zunehme, klammere sich der Mensch immer noch an die „überlieferten Sozialtechniken und Identitätsstrukturen“, die vor der Komplexität der modernen Gesellschaft versagen. Doch die aus diesem Widerspruch hervorgehende kollektive Identitätskrise, in der der Mensch sich auf Werte zurückzieht, die die Realität längst hinter sich gelassen hat, sieht Kilian „die gegenwärtige Situation der Menschheit“ gekennzeichnet; aus ihr leitet er die Notwendigkeit einer dialektischen Sozialpsychologie ab. Sie soll dazu beitragen, die unbewußten historischen und gesellschaftlichen Determinanten („das kollektive historische Unbewußte“) von Denkinhalten und Denkstrukturen aufzudecken und auf diese Weise dem Subjekt helfen, die eigene unbewußte Fremdbestimmung durch die Tradition zu erkennen, anzuerkennen und schließlich in progressive Selbststeuerung zu verwandeln, die zur „Überwindung der psychosozialen Schwerkraft der Traditionskultur“ führen und ein „transkulturelles Bewußtsein“ entbinden soll. Mit viel wissenschaftlichem Aufwand, exklusivem Jargon und der oft wiederholten Versicherung, wir stünden am Ende der „Herrschaftskultur“, an einer historischen Wende, vergleichbar jener Wende, da aus Nomaden seßhafte Kulturmenschen wurden, wirbt Kilian für seine Zukunftsvisionen, die jedoch nichts anderes sind als unbewußt gebliebene Bekenntnisse zum Vernunftoptimismus. Gerade diesen Vernunftoptimismus entlarvt Kilian aber als wesentliches Merkmal der Herrschaftskultur. Am Beispiel des Marxismus und der Psychoanalyse weist er – und dies gehört zum Bestechendsten seines Buches – nach, wie die emanzipatorische Absicht in eine ungewollte Verherrlichung des Status quo umschlägt, sofern das denkende Subjekt jene Gesetze und Mechanismen, die es in der Außenwelt erkennt, bei sich selber leugnet und damit unbewußt der Ideologie von der autonomen, omnipotenten Vernunft verfällt. Die Lehre Marx’ und Freuds interpretiert Kilian, ohne ihren Wert zu schmälern, als unbewußten Widerstand gegen gesellschaftliche Veränderungen. Das scheint paradox, ist jedoch einleuchtend, wenn man einen Unterschied zwischen den vom Bewußtsein geformten Denkinhalten und den durch das kollektive historische Unbewußte determinierten Denkstrukturen macht und beide Größen in ein dialektisches Verhältnis zueinander setzt. Diese Operation konstituiert die dialektische Sozialpsychologie. (Soziologische Texte 74, Luchterhand Verlag, Neuwied; 436 S., 28,– DM)

Christian Schultz-Gerstein