Die große Entdeckung beim letztjährigen „Internationalen Forum des Jungen Films“ in Berlin war paradoxerweise ein alter sowjetischer Stummfilm: „Stschastje“ (Das Glück, 1935) von Alexander Medwedkin, eine Satire über den Weg eines Bäuerleins aus der Unterdrückung des zaristischen Landwirtschäftswesens in die Freiheit der sozialistischen Kolchosenarbeit. Nicht nur als einziges überliefertes Dokument des ersten sowjetischen Kino-Zuges war diese Ausgrabung von besonderem Wert; komische, burleske, auch slapstickhafte Elemente eröffneten zugleich eine neue Sicht auf das frühe sowjetische Filmschaffen.

Wie jetzt eine umfassende Retrospektive des sowjetischen Stummfilms (1917–1935) im Westberliner Kino „Arsenal“ zeigte, kann Medwedkins Film auf eine stattliche Anzahl von Vorgängern in den zwanziger Jahren zurückblicken. Mit den Filmkomödien von Tscheljabuschki, Protasanow, Kuleschow, Pudowkin, Room und Barnet kam in Berlin eine Reihe zu Unrecht vergessener Kostbarkeiten der komischen Filmkunst wieder ans Licht.

Die Retrospektive läuft seit Anfang November und ist mit einer Auswahl von über fünfzig Titeln die größte zusammenhängende Übersicht des sowjetischen Stummfilms im deutschen Sprachraum, vergleichbare Veranstaltungen in der DDR eingeschlossen. Bislang kannte man bei uns nicht viel mehr als die wichtigsten Filme der Revolutionäre Eisenstein, Pudowkin und Wertow. Mancher einlast hat wohl auch den einen oder anderen Film von Kosinzew, Dowshenko oder Kuleschow gesehen. Aber wer kennt hierzulande Namen wie Sanin, Iwanowskij, Perestiani, Turin, Schengelaja und Ermler? Vor allem die Komödien verdienen aus heutiger Sicht eine grundlegende Revision. Einmal um ihrer selbst willen, aber auch, weil sie den Blick schärfen für die latente Komik, die in den großen revolutionären Filmen zu entdecken ist. Wer die Komödien kennt, sieht Eisensteins „Streik“ oder „Oktober“ mit anderen Augen.

In den ersten Jahren nach der Revolution stagnierte die sowjetische Filmindustrie unter dem Druck der allgemeinen wirtschaftlichen Misere. Die amerikanischen Filme beherrschten den Markt, Stars wie Mary Pickford, Lilian Gish, Douglas Fairbanks und Harold Lloyd waren die Lieblinge eines Publikums, das sich – nicht anders als vor der Revolution – zunächst aus den kleinbürgerlichen Schichten rekrutierte. Der Kampf gegen die übermächtige Konkurrenz war vor allem ein finanzielles Problem. Während ein ausländischer Film für etwa 5000 Rubel eingekauft werden konnte und oft mehr als das Zehnfache dieser Summe einspielte, kostete eine hauseigene Produktion mindestens 50 000 Rubel, die nur in den seltensten Fällen durch entsprechende Einnahmen gedeckt wurden. Zudem waren die sowjetischen Regisseure den Amerikanern in der Beherrschung der Filmtechnik zu dieser Zeit noch weit unterlegen.

Daß die in dieser Situation entstandenen Filme, und gerade die Komödien, stark von ihren amerikanischen Vorbildern geprägt waren, überrascht nicht. Daß sie gelegentlich über die simple Imitation hinausgelangten, beweisen die hinreißenden Slapstick-Szenen aus Kuleschows „Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki“ (1924), der vor kurzem auch im ZDF lief, und aus Protasanows „Der Schneider von Torshok“ (1925). Und ein Schauspieler wie Igor Ilinskij konnte sich durchaus mit den großen amerikanischen Komikern messen. Freilich verdankt diese Komik auch einiges der humoristischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Anders als in den amerikanischen Komödien spielt schon in all diesen frühen Produktionen der realistische Hintergrund einer Geschichte eine entscheidende Rolle. Wie nebenbei wird man über die sozialen Verhältnisse dieser Jahre informiert, erfährt man etwas über die Wohnungsnot oder über noch immer lebendige Formen der Ausbeutung.

„Das Zigarettenmädchen von Mosselprom“ (1924), eine Arbeit des Kameramannes Jurij Tscheljabuschki (1888–1955), bleibt noch am meisten einer hermetischen Komödienwelt verhaftet. Mit einer an Feydeau erinnernden Dramaturgie wird hier rund um ein Filmteam, das die Straßen Moskaus unsicher macht, ein Überraschungs- und Verwechslungsspiel aufgebaut. Der witzig inszenierte Film lebt zum großen Teil von der schauspielerischen Leistung Ilinskijs, der Mitglied des Meyerhold-Theaters war. In der Folgezeit wirkte er in fast allen Komödien Protasanows mit, meist als Partner oder Gegenspieler von Anatolij Ktorow, einem exzellenten Darsteller eleganter Schurken.

Jakow Protasanow (1881–1945) war wohl das größte Allround-Talent des sowjetischen Films. Er hat sich in allen Genres versucht und hinterließ über 60 Filme. In den Jahren der Revolution arbeitete er in Frankreich und Deutschland, fand danach aber relativ leicht Anschluß an die neuen revolutionären Ideen. Von; 1925 bis 1930 inszenierte er eine Reihe von Filmkomödien, die einen Höhepunkt ihrer Gattung markieren.