Von Gunhild Freese

Im November 1945 eröffnete er – zusammen mit einem Vetter – sein erstes Kino. In einem Tanzsaal im westfälischen Hiltrup. Investition: 100 000 Mark.

Drei Jahre später, im April 1948, machte er sich selbständig. Sein erstes eigenes Kino entstand in einem Gasthaussaal in Wolbek bei Münster. Investition: 38 000 Mark, dazu eine goldene Uhr, die Aussteuer der Braut, zwei Anzugstoffe, Zigaretten und Zigarren von Bezugscheinen, eine Schlafzimmereinrichtung und zwei Zenter Weizenmehl.

Im Januar 1972 ließ Heinz Riedl, 49, die Branche aufhorchen. Mit einem Streich machte er sich zum Herrn über die größte Kino-Kette der Bundesrepublik: Von der Gütersloher Verlagsgruppe Bertelsmann übernahm er Deutschlands größte und traditionsreichste Lichtspiel-Gruppe, die Ufa-Theater AG. Investition: 43 Millionen Mark.

Mit den 17 Kinos der „Filmtheater-Betriebe Heinz Riedl“, den 35 Ufa-Kinos und über fünf Beteiligungsgesellschaften betriebene Autokinos ist Riedl jetzt Deutschlands unbestrittener Kino-König. Seine 57 Flimmer-Paläste sollen ihm dieses Jahr einen Umsatz von 50 Millionen Mark bescheren. Riechs Hunger ist damit aber längst noch nicht gestillt. Riech: „In ein bis zwei Jahren wird man weitersehen.“

Riechs Expansionsdrang überrascht die Öffentlichkeit um so mehr, als die Kinobranche seit Jahren von unaufhaltsamer Auszehrung befallen ist. So gingen die Bundesbürger 1970 im Durchschnitt nur noch 2,7mal jährlich ins Kino. 1956 hingegen machten sie sich noch 15,6mal „ein paar schöne Stunden“ (so ein populärer Werbeslogan). Während 1956 an den Kassen von über 6400 Lichtspielhäusern fast 818 Millionen Kinobesucher gezählt wurden, waren es 1970 in den verbliebenen 3446 Filmtheatern nur noch gut 167 Millionen.

Der Kino-Schwund der sechziger Jahre traf vor allem die Häuser in den Vorstädten, das „Kino um die Ecke“ und an kleinen und mittleren Orten. Die Konkurrenz des Fernsehens („Pantoffel-Kino“) und die große Mobilität als Folge der Motorisierungswelle ließen vor allem Vorstadt- und Provinz-Paläste veröden.