Sexismus hält die Frauen unten – Seite 1

Von Imogen Seger

Wenn Kate Millet wie schon zuvor Simone de Beauvoir männliche Literaten attackiert oder Betty Friedan den "Weiblichkeitswahn", der von Reklame und Massenmedien verbreitet wird, dann wenden sie sich gegen kulturelle Leitbilder. Sie wollen das Bewußtsein von Männern und Frauen verändern. Um aber Veränderungen der täglichen sozialen Praxis zu bewirken, muß man die Mechanismen sozialer Institutionen studieren, die formellen und die informellen Regeln und Gewohnheiten, die üblichen Vorgänge – "wie’s gemacht wird".

Die kulturellen Vorstellungen von dem, was richtig ist, beeinflussen die Praxis, aber die Praxis beeinflußt auch die Vorstellungen – sie begrenzen sich gegenseitig. Vorstellungen sowie Praxis können sich nur verändern, wenn die einen oder die andere nachzieht. Die amerikanische Frauenbewegung innerhalb der Fakultäten der Colleges und Universitäten ist dafür ein Beispiel.

  • Seit 1930 ist der Anteil der Frauen bei den Hochschullehrern an amerikanischen Colleges und Universitäten zurückgegangen.
  • Von den amerikanischen Frauen, die ihren Doktor gemacht haben, üben bis zu 25 Prozent den Beruf nicht aus, für den sie sich üblicherweise zehn bis vierzehn Jahre lang vorbereitet haben.
  • Zwanzig Jahre nach dem Erwerb eines sozialwissenschaftlichen Doktorgrades und ununterbrochener akademischer Berufstätigkeit waren 90 Prozent der Männer zu ordentlichen Professoren avanciert, aber nur 53 Prozent der unverheirateten und 41 Prozent der verheirateten Frauen.

Ebenso wie die Neger und ebenso wie die radikalen Studenten haben auch Akademikerinnen in den USA gesehen, daß die Hochschulen als soziale Institutionen nicht das praktizieren, was offizielle Norm ist, was das kulturelle Leitbild von wissenschaftlicher Lehre und Forschung verlangt, und drß deshalb die Hochschulen große Angriffsflächen bieten. Dazu kommt natürlich, daß Akademikerinnen im allgemeinen ihre Lage bewußter erleben und deutlicher artikulieren als andere im Beruf benachteiligte Frauen. Als dafür prädestinierter Stoßtrupp der Hochschullehrerinnen durchleuchten nun Soziologinnen diese Situation, um sie der akademischen Öffentlichkeit zum Bewußtsein zu bringen – als ein Teil der allgemeinen Neubeurteilung der Situation der Frauen.

Die Diskrepanz zwischen offizieller Norm und geübter Praxis aufzuzeigen und im Detail zu belegen, wie die sozialen Mechanismen arbeiten, ohne daß sich jemand dessen bewußt wird – das ist ja für Soziologinnen eine Routinearbeit, seit Jahren insbesondere eingeübt an den Untersuchungen über die berufliche Situation der amerikanischen Neger. Allgemeine Appelle, doch netter zueinander zu sein, Vorurteile abzulegen, Schwarze, Rothäute oder Frauen auch als Menschen zu betrachten, haben keine Wirkung, wenn die sozialen Institutionen nicht schrittweise nachziehen und den Veränderungen des öffentlichen Bewußtseins angepaßt werden – was dann wieder weitere Bewußtseinsveränderungen erlaubt.

Hier muß bemerkt werden, daß einseitige Konzentration auf wirtschaftliche Faktoren nur in eine Sackgasse führt. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ist ein Schritt in der angestrebten Richtung, genügt aber keineswegs, um Frauen den Aufstieg in gehobene Stellungen oder gar in Machtpositionen zu ermöglichen. Kapitalistische Wirtschaftsformen sind nicht schuld daran, daß auch sowjetrussische Führungsgremien fast nur aus Männern bestehen. Wirtschaftliche Mechanismen sind nur ein Teil der verschiedenen sozialen Mechanismen, durch die soziale Ordnungen im gleichen Gang gehalten werden.

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Soziologinnen sind nun seit einigen Jahren dabei zu dokumentieren, wie die normalen Prozeduren der Hochschulen dazu dienen, Frauen auszuschließen beziehungsweise auf den unteren Rängen zu halten. Das Stichwort, unter dem solche Untersuchungen laufen, (und gleichzeitig der neue Kampfruf) heißt Sexismus – eine bewußte Parallele zu "Rassismus".

"Sexismus" ist es, wenn das jeweilige Geschlecht für sozial wichtiger angesehen wird als die übrigen Kriterien, nach denen ein Hochschullehrer beurteilt wird, wie etwa Vorbildung, besondere Erfahrungen bei Forschungen, Veröffentlichungen. "Sexismus" ist nicht offene Benachteiligung, nicht das Aufstellen von Regeln, die es unmöglich machen, Frauen zu Professoren zu ernennen, ihnen die Leitung eines großen Forschungsprojektes zu übertragen, sie zum Präsidenten ihrer wissenschaftlichen Gesellschaft zu wählen. Denn solche Regeln gibt es kaum.

Solche Regeln sind auch ganz überflüssig, denn um Frauen und Neger dort zu halten, "wo sie hingehören", muß man nur nach den allgemeinen Regeln verfahren. Die beruhen auf der Annahme: So, wie die Dinge jetzt sind, sind sie gut, sind sie "natürlich", sind sie selbstverständlich richtig. Eine "normale" Laufbahn ist so, wie sie für einen Mann heute normal ist. "Wichtige" Probleme sind die, für die sich Männer vor allem interessieren: Machtverhältnisse, Konflikte und dergleichen. Die "selbstverständliche" Form der internen Politik, der Aufgabenverteilung, der Entscheidungen über Beförderungen und Berufungen, ist die informelle Besprechung unter Kollegen – wozu man "natürlich" die Kolleginnen nicht zuziehen kann, weil das zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte.

Die praktischen Folgen dieses "Sexismus" sehen so aus:

  • Von den Collegestudenten im vierten und letzten Jahr, die vorhaben, auf der Universität Soziologie zu studieren, sind 43 Prozent Frauen.
  • Von den Kandidaten auf einen Magistergrad sind noch 37 Prozent Frauen.
  • Von den Doktoranden sind noch 30 Prozent Frauen und ebenso von den graduierten Studenten, die Collegestudenten unterrichten.
  • Von den Dozenten der untersten Kategorie sind noch 27 Prozent Frauen.
  • Von den "Assistenzprofessoren" aber nur noch 14 Prozent.
  • Von den "assoziierten Professoren" noch neun Prozent.
  • Von den ordentlichen Professoren noch vier Prozent.
  • Von den Vorsitzenden der Soziologie-Abteilungen an Universitäten noch ein Prozent.
  • Unter den insgesamt 44 ordentlichen Professoren der fünf Elite-Soziologie-Abteilungen befindet sich keine Frau.

Also von mehr als zwei Fünfteln der hoffnungsvollen Soziologiestudenten im Alter von etwa 21 oder 22 Jahren wird der weibliche Anteil allmählich bis auf ein Prozent, ja bis auf null reduziert, je weiter man in der akademischen Laufbahn fortschreitet. Der kritische Einschnitt liegt zwischen den Dozenten der untersten Kategorie und den "Assistenzprofessoren", die einen richtigen Vertrag bekommen: Der Anteil der Frauen wird hier von 27 Prozent auf 14 Prozent reduziert, also nahezu halbiert.

Ebenso ist das Bild, wenn man die viel kleinere Zahl von Soziologen betrachtet, die sich vor allem der Forschung widmen. In den obersten Rängen sind die Männer fast oder gänzlich unter sich. Und das in einem Fach, für das sich Frauen erstens besonders interessieren und in dem sich zweitens eine ganze Reihe von Frauen auch durch wissenschaftliche Leistungen ausgewiesen hat. (Es gibt noch keine genau vergleichbaren Aufstellungen für andere wissenschaftliche Fächer, aber es scheint, daß in manchen Fächern der Schrumpfungsprozeß weniger drastisch verläuft.)

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Wo geraten nun alle diese "verschwindenden" Frauen hin? Ein Hauptgrund für das Aufgeben des Studiums sind Heirat und Familiengründung, und für beides sinkt das Durchschnittsalter noch immer weiter. Zwar kehren viele junge Mütter nach einigen Jahren an die Universität zurück, aber doch lange nicht so viele, wie irgendwelche untergeordneten Berufe aufnehmen. Die heutigen Amerikanerinnen sind keineswegs gewillt, ihrer Karriere zuliebe auf Heirat und Familie zu verzichten, aber Hochschullehrer, die einmal unterbrechen oder die nur die halbe Zeit lehren, werden eben nicht befördert – besonders wenn sie Frauen sind.

Auch wer öfter den Ort und die Universität wechselt – und verheiratete Frauen müssen oft mit ihren Männern umziehen –, muß Zurücksetzungen in Kauf nehmen. Viel Schwierigkeiten macht weiter die Regel gegen "Nepotismus", die an vielen Hochschulen bedeutet, daß miteinander verheiratete Wissenschaftler selbst in ganz verschiedenen Fächern nicht gleichzeitig angestellt sein dürfen. Die Hauptopfer dieser Regel sind junge Wissenschaftlerinnen, die ihren Mann beim Studium kennengelernt haben. Mit Glück findet er eine Position in einer Stadt, wo es viele Universitäten gibt, so daß sie an einem kleineren College für wenig Geld auch arbeiten darf. Nicht zu übersehen ist, daß auch unverheiratete Frauen es lange nicht so oft zum ordentlichen Professor bringen wie verheiratete Männer.

Ganz ausscheiden läßt sich der Faktor Begabung, solange man die Auslese unter Studenten betrachtet, denn da liegen die durchschnittlichen Leistungen der Studentinnen höher als die der Studenten. Das ändert sich allerdings bei dem Kriterium, nach dem die Leistung von Hochschullehrern vor allem gemessen wird: bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Frauen veröffentlichen weniger und weniger Wichtiges. Wieweit liegt das daran, daß sie nichts zu sagen haben, und wieweit an Überlastung mit untergeordneten und zeitraubenden Einführungskursen, daran, daß sie nicht zu Leitern von Forschungsprojekten ernannt werden, und an zahlreichen ähnlichen informellen Behinderungen?

Die Bedeutung der Motivation zeigt sich bei allen Untersuchungen. Ebenso, wie unzählige Studien über amerikanische Neger gezeigt haben, daß Lerneifer und Ehrgeiz von Geburt an entmutigt werden – nicht durch irgendwelche formellen Regeln oder Hindernisse, sondern einfach dadurch, daß alle "normalen" Wege nach oben für Menschen anderer Herkunft da sind –, ebenso zeigen die Untersuchungen über die Mädchen an den Universitäten, daß sie nur so lange Förderung und Ermutigung finden, wie sie innerhalb der traditionellen Grenzen bleiben.

"Wenn man eine von 64 Doktorandinnen in einer Abteilung ist, in der nur drei Frauen lehren und auch die nur in untergeordneten Positionen, dann kann man sich schwerlich zu einer akademischen Laufbahn ermutigt fühlen!" Man wählt den einen oder andern Ausweg und fühlt sich ringsumher bestätigt. Die Soziologinnen, die von Sexismus sprechen, versäumen nie, darauf hinzuweisen, daß auch die Mehrzahl der Frauen "sexistisch" denkt, also die heute noch selbstverständlichen Selbstverständlichkeiten akzeptiert und sich damit einrichtet. So lange, bis die Zweifel kommen, die Unzufriedenheit und die ersten bescheidenen Änderungen – zum Beispiel Stellenanzeigen ohne die Angabe "männlich" oder "weiblich".