Auf zwölf Seiten bringt die ZEIT Berichte, Kommentare, Glossen und Informationen über Wichtigkeit und Möglichkeiten des sogenannten Hobby- oder aktiven Urlaubs:

Von Wolfgang Boller

Der Direktor weiß die Zeichen der Zeit zu deuten: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Das hat heute auch im Fremdenverkehr Gültigkeit. Die Leute sitzen nicht mehr ergriffen oder leicht gelangweilt im Freizeitparkett und starren unverwandt in die herrliche Kulisse. Die Leute wollen mitspielen, und sie wollen nicht nur in der Statisterie glänzen. Das Publikum verlangt Hauptrollen. Kurdirektor Günter Stopperich aus Berchtesgaden: „Die Neigung zu individueller Betätigung war noch nie so ausgeprägt.“ Die Ferienzeit steht im Zeichen von Unternehmungslust und Spielfreude.

Das Berchtesgadener Land ist im beliebten Urlaubsstaat Bayern die beliebteste Urlaubsprovinz. Im entlegensten Winkel Deutschlands hat der liebe Gott Berge und Hügel malerisch zurechtgerückt, Wälder und dunkle Seen zum Entzücken der Wanderer und Bergsteiger, Amateurphotographen und Sonntagsmaler hineinkomponiert. Die Menschen haben dann ihre Häuser im Edelweißstil gebaut und dafür gesorgt, daß die modernen Hotels und Sanatorien nicht in den Himmel wachsen. So entstand der Eindruck einer selbstverständlichen Ferienlandschaft, die ihre touristische Funktion der natürlichen Schönheit unterordnet. Der Tourismus hat den Tälern und Höhen einige Merkmale eingekerbt, doch er hat die Landschaft letzten Endes weniger verändert als Kraftwerke, Hochöfen und Steinbrüche. Das Berchtesgadener Land ist für seine Aufgabe wie geschaffen.

Das Winkelländchen mit dem Markt Berchtesgaden und den Dörfern Bischofswiesen, Königssee, Marktschellenberg, Ramsau und Schönau, die sich folgerichtig Urlaubsorte nennen, hat 20 000 Einwohner und ungefähr ebenso viele Fremdenbetten in Hotels, Pensionen, Privathäusern und Bauernhöfen. Jährlich kommen, etwa 300 000 Gäste, dazu Passanten und Besucher des Salzbergwerks (übrigens zu 90 Prozent Deutsche, nur zu zehn Prozent Amerikaner, Holländer, Belgier, Engländer und Franzosen). Die Fremdenverkehrsstatistik registrierte im vergangenen Jahr 2,4 Millionen Übernachtungen (im Winter: 400 000). Die Zahl der 1971 erfaßten Einzelaktivitäten verdeutlicht die Unternehmungslust der Gäste: 2,7 Millionen. Das bedeutet, daß jeder Urlauber im Berchtesgadener Land an jedem Urlaubstag etwas unternimmt, nicht mitgerechnet das Wandern. Günter Stopperich: „Wandern ist eine Selbstverständlichkeit.“

Das Berchtesgadener Land ist ein Wanderland für jeden Anspruch, jeden Ehrgeiz und jede Kondition, vom Nachmittagsbummel auf dem Obersalzberg bis zur anstrengenden Gratwanderung zwischen Kehlstein und Jenner. Es gibt 280 Kilometer Wanderwege, viele höher als 1000 Meter. Ein Drittel des Wegenetzes sind Rundwanderstrecken. Die Kurdirektion verteilt jährlich 20 000 Wanderpässe mit 74 Routenvorschlägen. Wer täglich fünf oder sechs Kilometer zu Fuß geht, wird mit einer Anstecknadel ausgezeichnet, dem „Goldenen Rucksack“ (1971 rund 5000). Im Winter werden 120 Kilometer Wanderwege von Schnee und Eis geräumt. Für sportliche Betätigung im Winter gibt es die „Goldene Schneeflocke“ (1971/72 etwa 3500).

– Wandern ist sicher das billigste aktive Urlaubsvergnügen. Der Wandersmann braucht zur Erholung nur feste Schuhe, Spazierstock und Brotbeutel. Erst zum Bergwandern oder zum Klettern gehört eine richtige Ausrüstung. Weite Gebirgstouren macht man nicht ohne einen wegkundigen Begleiter oder einen Bergführer. In Berchtesgaden gibt’s ungefähr zwölf Berufsbergsteiger. Einer von ihnen, der 42jährige Kellerbauer Stefan, ist vom Bergsteigen so begeistert, daß er einen 120 Meter hohen Spiralabriß am Kehlstein schon unzählige Male („Vielleicht hundertachtz’gmol oder zwoahundertmol, wos woas denn i?“) aus schierem Vergnügen hinaufgestiegen ist. Einmal haben ihm seine Freunde auf einem Felsvorsprung ungefähr in der Mitte des Wegs einen Friseurstuhl hingestellt. Damit er sich unterwegs ausruhen könne. Der Kellerbauer: „Do hob’ ich natürlich a Fest geb’n müass’n.“