Von François Bondy

Wer Voltaire kennenlernen will, kommt seit Jahrzehnten nicht vorbei an Theodore Besterman, dem Engländer, der aus Voltaires Genfer Residenz „Les Délices“ den Mittelpunkt der Voltaire-Forschung gemacht hat (zwischen ihm, der nunmehr in England lebt, und dem Kanton Genf besteht kein ganz spannungsfreies Verhältnis) und dessen Ausgabe der Voltaire-Korrespondenz in achtzig Bänden zwar sein Hauptbeitrag zur Erschließung der Grundlagen einer Biographie, einer Geschichte des Werkes und der Wirkung ist, aber bei weitem nicht der einzige. Jeder Voltaire-Biograph unserer Tage erweist Besterman seine dankbare Reverenz. Joachim Leithäuser („Voltaire“, 1961) nannte die Briefedition die „einzige wirklich zuverlässige Quelle“, Jean Orieux, Autor einer neuen, auch deutsch erschienenen Voltaire-Biographie (Insel-Verlag, Frankfurt; 20,– DM) vermutet, Besterman habe mit Voltaires Besitz auch „seinen Stil, seinen Geist erworben“.

Wenn nunmehr der Alt- und Großmeister der Voltaire-Forschung selber eine Biographie des Aufklärers vorlegt –

Theodore Besterman: „Voltaire“, aus dem Englischen von Siegfried Schmitz; Winkler-Verlag, München; 520 S., Abb., 59,– DM

so müssen die Erwartungen hochgespannt sein. Werden sie erfüllt? Am charakteristischsten vielleicht im 37. der 42 Kapitel, das betitelt ist: „Am 1. März 1768.“ Besterman teilt mit, daß er dieses Kapitel am 1. März 1968 geschrieben habe. Ganz zufällig ist dieses Datum nicht gewählt; es ist der Tag, an dem Voltaires Nichte und Geliebte Madame Denis um zehn Uhr morgens Ferney verließ, ohne sich zu verabschieden, und an dem Voltaire, sechsundsiebzig Jahre alt, mit dieser Erschütterung fertig werden und daneben sein wie gewohnt ungeheures Arbeitspensum erledigen mußte, darunter vierzehn Briefe, die hier analysiert und zitiert werden. Am Beispiel solcher Tage unter dem Mikroskop kommen die Vorzüge von Bestermans einzigartiger Beschlagenheit zur Geltung, auch ist die Chronik ein ausgezeichnetes Mittel zur lebhaften Vergegenwärtigung. Doch ist dieser Abschnitt eine Ausnahme.

Es ist kaum möglich, sich durch diese 500 Seiten ohne wachsende Enttäuschung und gelegentlichen Ärger durchzuarbeiten. Der große Voltairologe ist nämlich trotz Jean Orieux’ Kompliment kein neuer Voltaire. Und wäre es nur das: Ein Biograph muß sich nicht mit seinem Gegenstand identifizieren, mit seinem Autor „mitsingen“. Im Gegenteil: zu wünschen ist Distanz. Doch ist die Biographie eine literarische Gattung und bedarf einer Gabe des Evozierens von Personen, Umständen, Milieus, die sich vom gut dokumentierten Bericht unterscheidet. Nach diesem Buch zu urteilen, ist Besterman keiner jener Historiker, denen „Gott eine Schreibe verliehen hat“. Doch das ist nicht alles. Die großen historischen und geistigen Probleme bleiben oft undeutlich, so die Eigenart von Voltaires „Theismus“ im Kontrast zu Rousseaus Mystik, zu Diderots Materialismus. Es wird nicht gezeigt, wie Voltaires Gedanken durch Umstände und Richtung der Polemik sehr viele Varianten und Widersprüche aufweisen – man hat ihn „ein Chaos von klaren Ideen“ genannt – und was hinter diesen Widersprüchen die Konstanten sind.

Hier haben wir einen Schriftsteller, der ganz im klassischen Jahrhundert wurzelt, von der aufkommenden Sentimentprosa unberührt bleibt und der zugleich durch seinen Kampf gegen Unrecht eine moderne öffentliche Meinung erschafft, mobilisiert, der Siege erringt, wie sie noch von keinem „engagierten Schriftsteller“ erreicht worden waren, nicht in einer „Dreyfus-Affäre“ wie der große Emile Zola, sondern in vielen.