Freie Sechs-Monate-Frist

Von Jürgen Thorwald

New York, im Februar

Als ich von Europa herüberkam, wurde in der Bundesrepublik wieder einmal der Paragraph 218 heftig umkämpft. Und jene, die Schwangerschaftsunterbrechungen legalisieren wollen, mußten sich einer Schar von Gegnern erwehren, die an erstarrten Traditionen und moral-theologischen Verboten festhalten.

Hier dagegen, in New York, ist soeben an der Second Avenue das neue Family-Planning-Center der internationalen Planned Parenthood Organisation eröffnet worden. In mehreren großen Abteilungen wird das Center pro Jahr 10 000 Schwangerschaften unterbrechen und 3000 Männer sterilisieren. Außerdem wird es jede Frau vor einer Interruptio ausführlich beraten und – falls sie bei ihrem Entschluß bleibt – nachher mit allen notwendigen Verhütungsmitteln versehen. Dadurch wird klargemacht, daß der Abort lediglich ein Mittel der Geburtenkontrolle ist, wenn auch – angesichts der Unvollkommenheit aller Vorbeugung – ein notwendiges.

Während der vierstündigen Veranstaltung läuteten in der gegenüberliegenden katholischen Church of the Epiphany ununterbrochen die Glocken – zum Protest. Pfarrer Costello rief auch zum Gebet. Aber nur sieben alte Frauen knieten in den Bänken, und ganze dreizehn Frauen und Männer, Abgesandte der katholischen Right of Life-Gruppe in Brooklyn, trugen vor der Klinik ein paar Schilder mit der Aufschrift „Abtreibung ist Mord“ vor sich her.

Die katholische Opposition (von der Gegenseite „Schwarze. Mafia“ genannt) sieht sich in die Verteidigung gedrängt – das triste Bild wirkte wie ein Symbol ihrer zerbröckelnden weltlichen Macht. Aber noch mögen die amerikanischen Katholiken nicht den Gedanken aufgeben, wie in Europa einer nicht mehr gläubigen Mehrheit durch weltliche Gesetze ihre Glaubensthesen aufzwingen zu können. Sie haben für New York einen neuen Namen erfunden: Nuova Abortia.

Während ich durch Manhattans Upper East Side, am Park East (Interruptions-)Krankenhaus, dann acht Blocks weiter an den Interruptionskliniken Woman’s Medical Group und Woman’s Medical Services und später an der supermodernen Abortionsinstitution von Parkmed im Schatten des Empire State Buildings vorüberfahre, kommen mir unwillkürlich Erinnerungen an die letzten anderthalb Jahre des amerikanischen Kampfes gegen archäische Abtreibungsgesetze. Und sie wandern zurück in den Juni 1970.

Ben Hardin, ein junger Gynäkologe, und ich trafen uns damals vor Chicagos International Amphitheatre. Es beherbergte die Jahrestagung 1970 der American Medical Association, und vor unseren Augen zogen Frauen mit Plakaten vorüber: „Freiheit für die Abtreibung“ – „Gebt uns sichere und ungefährliche Verhütungsmittel, dann verzichten wir gerne auf die Abtreibung“ – „Nicht einmal die Pille ist sicher und ungefährlich, und die Wahl der unfruchtbaren Tage ist ein russisches Roulette“.

Die Macht-Elite der amerikanischen Ärztegesellschaft, das sogenannte House of Delegates, hatte sich in den leichter zu bewachenden Red Laquer Room des Palmer House zurückgezogen, weil sie sich vor Demonstrationen junger Ärzte gegen ihren asozialen Standes-Egoismus und ihre Unbeweglichkeit in der Abtreibungsfrage nicht sicher fühlte. Seit 1967/68 waren in Colorado und zwölf weiteren Staaten jene rund hundert Jahre alten Gesetze reformiert worden, die gemeinhin nur eine einzige legale Möglichkeit der Interruptio boten, nämlich bei unmittelbarer und schwerster Lebensgefahr für die Schwangere. Die Reformen waren zwar unbedeutend. Sie gestatteten die Interruptio nunmehr nicht nur bei Gefährdung für die körperliche, sondern auch für die seelische Gesundheit, ferner bei voraussichtlicher Geburt eines verkrüppelten Kindes und nach Vergewaltigung. Aber der Damm war gebrochen.

Im März hatte Hawaii die Unterbrechung jeder Schwangerschaft innerhalb der ersten Monate auf Wunsch der Frau erlaubt. Und soeben war New York mit einem Gesetz gefolgt, das einen Tiefschlag für jeden Traditionalismus in der Abtreibungsfrage bedeutete. Der New Yorker Gesetzestext war kurz und bündig:

„Eine Abtreibung ist nicht rechtswidrig, wenn sie mit Einverständnis der Frau von einem approbierten Arzt vorgenommen wird, und zwar

a) in der berechtigten Überzeugung, daß es für die Gesundheit der Frau notwendig ist, oder

b) innerhalb von 24 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft.“

New York hatte die für Konservative unvorstellbare freie Sechs-Monate-Frist bewußt gewählt. Neuere Methoden der Fruchtwasser-Untersuchung, welche Rückschlüsse auf Mißbildungen eines Fetus erlaubten, lassen sich nämlich erst in einem relativ späten Abschnitt der Schwangerschaft mit Erfolg anwenden. Von nun an konnte die Schwangerschaft in Kliniken amerikanischen Stils, das heißt in Ambulatorien, oder in ärztlichen Praxen, das heißt, ohne Krankenhausaufenthalt, unterbrochen werden, so daß minderbemittelte Frauen aus den Massenquartieren nicht mit unnötigen Kosten belastet wurden. Diese Regelung wurde später insofern eingeschränkt, als die Kliniken für Fälle von Komplikationen ein Nothilfeabkommen mit einem nahegelegenen Krankenhaus abschließen müssen, das über einen Blutspenderdienst verfügt.

Die Nachrichten aus New York hatten die konservativsten „Mandarine“ der Chicagoer Ärzte-Tagung in Alarmstimmung versetzt. Dennis Cavanagh von der Universitäts-Frauenklinik in St. Louis und andere malten Schreckensbilder des Verfalls, der in England herrschen sollte, seit der britische Abortion Act 1967 zur Freigabe der Interruptio geführt hatte. Es war sogar von einem „intrauterinen Blutbad“ in Großbritannien die Rede. Man zitierte Sir John Peel, den urkonservativen Präsidenten des Londoner Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, der wegen der „Korruption des ärztlichen Gewissens“ schon tragende Säulen der Gesellschaft einstürzen sah, ganz so, als hätte dieses Gewissen nicht lange genug menschliche und soziale Nöte Hunderttausender Frauen mißachtet.

Das wichtigste Argument der Reformer, daß nämlich durch eine Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung die in den USA auf zumindest 1,5 Millionen geschätzten illegalen Abtreibungen pro Jahr reduziert und fast ganz beseitigt werden könnten, sollte als Irrlehre entlarvt werden. Mit Zahlen aus den schon länger „liberalisierten“ Ostblockländern wollten die konservativen Ärzte beweisen, daß eine Legalisierung der Abtreibung die illegale Abtreibung nicht nur nicht verringere, sondern sogar fördere, weil sie die „Furcht der Frauen vor dem Gesetz“ ebenso beseitige wie ihre „letzten Gewissensschranken“. Selbst Schweden habe eine Vermehrung der illegalen Abtreibung erlebt. Herkunft und Interpretation der Zahlen waren so zweifelhaft, daß Ben, der in den vorangegangenen Jahren Schweden, Polen, Ungarn und England besucht hatte, zornig den Saal verließ. So traf ich ihn zwischen den Plakat-Trägerinnen.

„Sie begreifen einfach nicht“, grollte er, „daß die Gynäkologie mitten in einem Wandel ihrer Aufgaben steht. Sie wollen nicht erkennen, daß ihre alte Gynäkologen-,Ethik’,, die Gesunderhaltung von Uterus und Eierstock zum Zwecke möglichst vieler Geburten, samt deren religiöser und moralischer Verbrämung aus einer Zeit stammt, in der die Welt leerer war und Vermehrung wirtschaftliche, politische und militärische Macht bedeutete. Sie sehen nicht, daß die Massen-Ära unserer Tage, zu der sie fleißig beigetragen haben, eine neue ‚Ethik‘ verlangt, nämlich die Gesunderhaltung von Frauen, Kindern und Völkern durch eine Beschränkung, die mit Empfängnisverhütung allein nicht zu erreichen ist. Lieber fliehen sie in Selbsttäuschungen und Statistiken hinein, die der Wirklichkeit von heute glatt ins Gesicht lügen.“

Er betrachtete die Schilder der Demonstrantinnen: „Wir wollen keine Mini-Liberalisation wie in Kalifornien und keine Prüfungskommissionen, die über uns und unsere Kinder entscheiden.“ Dann sagte er: „Sehen Sie, was dort geschrieben steht. Alle da drinnen sollten es sorgfältig lesen, denn das ist der Kern des Problems...“

Sowjetische Erfahrungen

Ich verstand ihn an diesem Tage nicht. Aber drei Tage darauf sah ich ihn wieder. Er und ein Arzt-Journalist aus Milwaukee, der jahrelang in Japan gelebt hatte, sprachen vor einer Versammlung von Reformern aus Illinois in dem Hochhaus-Appartement eines Anwaltes und Freundes der Planned Parenthood Organisation. Ben hatte mich dazu eingeladen.

„Sie wünschen Informationen“, begann er, „um die Behauptungen der American Medical Association widerlegen zu können. Lassen Sie mich mit den kommunistischen Ländern in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beginnen. Dort genügte es, wenn eine Frau zu einer Amtsstelle ging. Sie wurde darüber belehrt, daß auch bei einer ärztlichen Interruptio in seltenen Fällen Komplikationen möglich seien, und erhielt eine Bedenkzeit. Blieb sie bei ihrem Entschluß, wurde die Schwangerschaft in einer Klinik des Gesundheitsdienstes unterbrochen. Es handelte sich also um eine Regelung, welche auf den ersten Blick als Muster der Entscheidungsfreiheit für die Frau gelten könnte.

Trotzdem ergab sich eine Entwicklung, die vom psychologischen Standpunkt außerordentlich interessant ist und die sich in den gern benutzten, aber veralteten Statistiken unserer Konservativen niederschlug. Während es in der Sowjetunion sofort zu umfangreichen legalen Schwangerschaftsunterbrechungen und zur Abnahme der Illegalität kam, stieg die Zahl der legalen Abtreibungen in den sowjetischen Satelliten-Ländern nur langsam. Wie man aus der Zahl der Krankenhaus-Einlieferungen nach mißlungenen Abtreibungen mit Nachblutungen und Infektionen schließen konnte, nahm gleichzeitig die Zahl der geheimen Aborte überraschenderweise zu. In Ungarn beispielsweise betrug die Zahl der illegalen Abtreibungen zur Zeit der Legalisierung wenigstens hunderttausend.

Westliche Beobachter sahen in dieser Entwicklung sofort den Beweis für ihre vorgefaßte Meinung, daß die Liberalisierung zur Zerstörung der weiblichen Moral’ und zur Vermehrung des Criminellen Abortes’ führe. In Wahrheit geschah folgendes: In Ungarn dauerte es etwa acht Jahre, bis die Zahl der legalen Aborte auf etwa 180 000 anstieg und die ‚illegalen‘ auf schätzungsweise 10 000 pro Jahr zusammenschrumpften. In der Tschechoslowakei und Polen war die Entwicklung ähnlich. Die Systematik dieses Vorganges könnte rätselhaft erscheinen, wäre sie nicht durch sorgfältige Beobachtungen geklärt worden.

In der Sowjetunion waren die Traditionen einer bürgerlich-christlichen Vorstellungswelt, die sich auch bei uns gegen die unvermeidlichen Forderungen der Zukunft sträubt, schon seit längerer Zeit abgebaut. Die Abtreibung war ihres ‚Makels‘ entkleidet. Ihrer Anwendung stand nichts im Wege. Gänzlich anders sahen die Erfahrungen aus, welche die Sowjetunion während der ersten Legalisierungsphase, etwa 1920 bis 1934, machte. Auch damals hatte sich zunächst die Zahl der illegalen Abtreibungen erheblich vermehrt, zum Teil deswegen, weil die damaligen medizinischen Einrichtungen viel zu begrenzt und zu primitiv waren. Aber die entscheidende Ursache lag woanders. Die Sowjetregierung hatte Kommissionen eingesetzt, bei denen sich alle Frauen, die eine Abtreibung wünschten, zu melden hatten. Sie wurden registriert, belehrt, und später an Kliniken weitergeschickt. Aus Tausenden von Rapporten ging nun hervor, daß dies genau das war, was die Frauen davor zurückhielt, die legalen Möglichkeiten zu nutzen.

Die Frauen waren in den Vorstellungen der Zarenzeit großgeworden, als der Abort als Sünde und als Verbrechen galt. Sie wollten die Interruptio als ihre privateste Angelegenheit ohne Aufsehen, ohne Registrierung, ohne daß Nachbarn oder Familien davon erfuhren, erledigen. So zogen sie die alten, verborgenen Methoden vor, auch wenn sie Zehntausende von Opfern unter ihnen forderten, bis – und das ist ein entscheidender Punkt – die Kommissionen eingeschränkt oder abgeschafft und größere Diskretion gesichert wurden. Die war allerdings damals nur in beschränktem Maße möglich, weil die Methodik der Interruptio mit der Ausschabe-Curette – ohne Antibiotika und ohne unser Absaugverfahren von heute – unbedingt einen Krankenhausaufenthalt erforderte.

Bezeichnenderweise wurden die damaligen sowjetischen Statistiken von den Konservativen in Deutschland, wo während der Wirtschaftskrisen mit ihrem Hungerelend die ersten Angriffe gegen den Anti-Abtreibungs-Paragraphen 218 geführt wurden, auf die gleiche Weise mißbraucht, wie es heute geschieht. Für damalige deutsche Gynäkologen der konservativen Richtung, von August Mayer über Sellheim bis zu Stoeckel, blieb die Interruptio selbst in der fürchterlichsten sozialen Lage einer Schwangeren oder nach Vergewaltigung eines minderjährigen Mädchens ein Verbrechen an der deutschen Zukunft, und jede negative Nachricht aus der Sowjetunion diente ihnen als willkommene Selbstbestätigung.

Gleichviel – jetzt, nach 1955, wiederholten sich die sowjetischen Erkenntnisse der dreißiger Jahre in allen nunmehrigen kommunistischen Satelliten-Staaten, die jahrhundertelang kirchlichen Einflüssen unterworfen waren. Erst als auch hier die Frauen die Möglichkeit erhielten, ohne Amtsärzte oder Kommissionen irgendeine Klinik aufzusuchen, und die moderne Technik die ambulante Interruptio ermöglichte, begann ein radikaler Einbruch in die Illegalität.“

Ben fuhr fort: „Damit komme ich zu Schweden. Ich habe Monate in Stockholm verbracht und mich oft gefragt, wieso Schweden den Ruf erlangen konnte, ein gelobtes Land der Abortion zu sein. Man kann den Schweden zugute halten, daß sie schon 1938 mit einer gewissen Liberalisierung begannen. Aber was 1938 revolutionär schien, ist es heute nicht mehr. In Schweden besteht die Möglichkeit zur Abtreibung bei unbilligen körperlichen und seelischen Belastungen, bei Mädchen unter fünfzehn Jahren, nach Vergewaltigung oder bei Gefahr der Entwicklung eines kranken Kindes. Aber jeder Fall muß von einer königlich-medizinischen Kommission bürokratisch und mit einigem Aufwand an Frauenberaterinnen, Gynäkologen und Psychiatern entschieden werden. Fünfzig Prozent der Anträge wurden zu meiner Zeit abgelehnt. Die Prozedur dauerte so lange, daß die Frauen vielfach in ein fortgeschrittenes Schwangerschaftsstadium gerieten, das eine Interruptio schwieriger macht.

Während in Polen 500 bis 700 legale Aborte auf 1000 Geburten entfielen, schwankte die Zahl in Schweden zwischen 40 und 80, und es gehört totale Instinktlosigkeit dazu, um nicht einzusehen, daß Frauen eine Mini-Liberalisierung wie die schwedische nicht als Erleichterung empfinden. Die meisten gehen, den Weg in die Illegalität, und die Zahl der Schwedinnen, die zur Interruptio nach Polen reisen, wuchs von 1000 im Jahre 1963 auf 12 000 im Jahre 1964 und ist seither weiter gestiegen.

Alle Erfahrungen, von Rußland bis England, haben gezeigt, daß jede Liberalisierung, die einen Abort nur bei einigen eng begrenzten Indikationen erlaubt und die Erlaubnis auch noch von Prüfungsverfahren abhängig macht, in ihrer Wirkung auf die ,Illegalität‘ zum Mißerfolg verdammt ist, weil sie die Psyche der Frauen mißachtet.“

Der Journalist aus Milwaukee, kein jugendlicher Revolutionär, sondern ein älterer, ruhiger Mann, der erst vor wenigen Wochen aus Japan zurückgekehrt war, konnte aus seinen Erfahrungen nur bestätigen, was Ben gesagt hatte. Er fügte lediglich eine Bemerkung hinzu, die ich nicht vergaß. Er sagte: „Die Ereignisse in Japan haben seit 1949 bewiesen, daß selbst eine jährliche legale Abtreibungsquote von 1,5 Millionen keinen Einfluß auf die moralische Struktur eines Volkes hat und daß die totale Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung nicht den Geburtswillen als solchen zerstört. Japan ist das einzige Land in Ostasien, das bis heute seine Übervölkerungsprobleme gelöst hat, und es gehört zu meinen eindrucksvollsten Erlebnissen, daß die Abtreibungsquote radikal fiel, als die wirtschaftliche und soziale Lage sich stabilisierte.“

Tief in der Nacht brachte Ben mich nach Hause. „Jetzt müssen wir abwarten“, sagte er beim Abschied. „Mit New York haben wir nun Polen, England oder Japan im eigenen Land...“

*

Nun, hier bin ich also, in New York 1972 – anderthalb Jahre nach jenen Sommertagen, in denen es sich die freiheitlichste Abortion-Gesetzgebung Amerikas gab. Gestern holte ich Ben, der seit 1971 im Pregnancy Interruption Service eines öffentlichen Hospitals in Brooklyn arbeitet, in den Mittagsstunden ab. Ich wartete eine Weile, während Mädchen und Frauen, die am Vormittag eine Interruptio hinter sich gebracht hatten, nach Ruhepause und Nachuntersuchung den Bau verließen: Ein junges rundliches, vielleicht sechzehnjähriges Negermädchen mit Haaraufbau im afrikanischen Stil – eine rothaarige Irin in den Vierzigern, Hausfrau und vielfache Mutter vermutlich, von der man zu Hause wahrscheinlich annahm, sie sei zum Einkauf in einen Supermarkt gegangen – auch einige Puertoricanerinnen, eine davon fast noch ein Kind – etwas später eine Schwarze in den Zwanzigern, sehr schlank, vielleicht eine Lehrerin, die sich den Vormittag freigenommen hatte, sei es zu einem Zahnarztbesuch oder wegen einer Behördenangelegenheit. Dann eine Weiße, jung, mit einem Lehrbuch unter dem Arm, wahrscheinlich eine Studentin, die sich von einer zu frühen Schwangerschaft befreit hatte und noch ein wenig vorsichtig, aber mit hellem Gesicht auf einen wartenden jungen Burschen zuging.

Kaum Zwischenfälle

Ben hatte, am Vormittag fünfzehn Aborte vorgenommen, alle nach dem für die ersten Schwangerschaftsmonate üblichen Verfahren: Erweiterung des Muttermundes durch Vibration, gelegentlich durch Hegarstifte, Absaugen des Uterus-Inhalts; in einem einzigen Fall ein Nachkratzen mit der Curette. Dauer: wenige Minuten. 81 Prozent der Frauen kamen jetzt so früh, daß es nur noch in acht Fällen auf 10 000 irgendwelche Schwierigkeiten wie Blutungen oder Verletzungen gab.

Am späteren Nachmittag würde Ben Frauen untersuchen, die sich neu anmeldeten. Mit Schwangerschaftstest und Abstrichen für vorsorgliche Krebsuntersuchung. Spätestens ein paar Tage später erhalten sie die telephonische Mitteilung, daß sie zum Eingriff kommen können. An zwei Tagen in der Woche operierte Ben Myome, Karzinome. Seine „neue Welt der Gynäkologie“ bedeutet für ihn nicht, ein Abtreibungsspezialist zu sein.

„Erinnern Sie sich an Chicago“, sagte Ben, „und an das, was ich von New York erhoffte? Ich denke, daß die Reformer es schneller geschafft haben als in England. Wenn man die Geschäftemacher in England mit denen in New York vergleicht, die ein Big Business aus der Engländer harmlose Zwerge. Unsere Abtreibungs-Vermittlungsagenturen - bis nach Texas“

und Kalifornien – und ‚800-Dollar‘-Privatkliniken haben den ‚Mandarinen‘ von Chicago jeden Vorwand geliefert, den sie sich wünschen konnten, um zu behaupten, der freie Abort sei gleichbedeutend mit Sodom und Gomorra.

Billige Ambulatorien

Die Einrichtung von billigen Ambulatorien für die Interruptio, so wie das unsere, hat aus bürokratischen und technischen Gründen mehr Zeit gebraucht als erwartet, und die weniger Begüterten mußten monatelang warten. Die meisten New Yorker Ärzte hatten wenig oder gar keine Erfahrung mit den Interruptio-Methoden. Sie hatten infolgedessen eine Reihe von Todesfällen, verrechneten sich in der Schwangerschaftsdauer, und statt vor einer Interruptio standen sie ein paarmal vor einer Frühgeburt. Aber es waren nur acht Todesfälle auf 100 000 Unterbrechungen – ein Nichts, verglichen mit der amerikanischen Durchschnittszahl von 27 Todesfällen auf die entsprechende Zahl normaler Geburten. Aber der Lärm der Konservativen war so groß, als unterhielten wir Anstalten für Kindermord. Darum wurde Ende 1970 vorübergehend daran gedacht, die Aborte nur noch stationär vorzunehmen. Aber das hätte gerade die Frauen getroffen, die nicht das Geld für stationäre Aufenthalte haben, und gleichzeitig viele abgeschreckt und daran gehindert, ihre persönlichste Angelegenheit schnell und ohne Aufsehen zu erledigen. Glücklicherweise kam es nicht zu diesen Einschränkungen – und niemand kann jetzt, nach anderthalb Jahren und rund 270 000 Aborten, bestreiten, daß dies richtig war.

Wenn von den bisher behandelten Frauen annähernd die Hälfte von auswärts kam, so setzt sich der Rest zu fünfzig Prozent aus Minderbemittelten oder Mittellosen zusammen, die zum Teil auf Kosten von Stadt oder Staat behandelt werden. Es sind diejenigen mit den größten Kinderzahlen, die früher unsere illegale Abtreibungsquote von rund 80 000 pro Jahr zustande brachten. Und wir haben nur anderthalb Jahre gebraucht, um in die Illegalität einzubrechen.

So schwierig es war und ist, moderne Verhütungsmethoden einzuführen, so schwierig ist es, bei den Getto-Massen alte Gewohnheiten, Winkel-Abtreiber und Selbstabort auszurotten. Trotzdem ist genau das im Gange. Wenn wir auf diesem Weg weitergehen, wird in New York die Schwangerschaftsunterbrechung schneller zu einem selbstverständlichen Akt der Geburtenkontrolle werden als in London.“

Später saßen wir in meinem Zimmer und blickten auf New York hinab, von dessen Beispiel und Erfolg so viel für Amerika abhängen würde. „Sie müßten es besser wissen als ich“, sagte Ben. „Aber es war wohl immer so in der Geschichte, daß die ,Mandarine‘ sich schwer für etwas Neues entscheiden, auch wenn es unabwendbar ist...“

Ich nickte und dachte an Deutschland, wo sich ebenfalls Vergangenheit und Zukunft gegenüberstehen. Am folgenden Morgen las ich, daß die 307 Spitzendelegierten der ultrakonservativen American Bar Association, einer Vereinigung der Juristen, bei ihrer Tagung in New Orleans mit überwältigender Mehrheit für die Legalisierung der Interruptio upon demand („auf Wunsch der Frau“) gestimmt hatten. Ben hatte offensichtlich recht: Es gibt keinen Weg zurück!