Von Marianne Kesting

Der Hanser Verlag, der mit seiner „Bibliotheca Dracula“ den Bestsellern der Gruselromantik wieder zu neuem Leben verhalf und die ernüchternden letzten Jahre vor allem das spätromantische Schaudern lehrte, hat jetzt zu einer grundsätzlicheren Recherche ausgeholt –

„Künstliche Menschen“ – Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und liebende Statuen, herausgegeben von Klaus Völker; Hanser Verlag, München; 515 S., 28,– DM.

Die Anthologie versammelt in populärer Weise, was es da an Mythos, Sage, Geschichte und Geschichten über den künstlichen Menschen gibt, von Prometheus, dem Ovidschen Pygmalion, dem Golem des Rabbi Low bis zu dem Homunculus der Alchimisten und schließlich der hintersinnigen Auseinandersetzung der Romantik, die sich einem durchaus neuzeitlichen Phänomen gegenüber fand: der Technik.

Was der Mensch als „secundus Deus“ Jahrtausende lang erträumte, nämlich wie Gott selber schöpferisch zu werden und Gottes Schöpfung zu verbessern, geriet im Zeitalter der Aufklärung in eine neue Phase der Verwirklichung. Descartes, der bereits den menschlichen Körper als eine Maschine auffaßte, legte die philosophische Grundlage zu einem Sieg der technischen „Kunst über die Natur“, wie sie Francis Bacon zu Beginn des naturwissenschaftlichen Denkens proklamiert hatte. Ein berühmter Mechanikus, Vaucanson, erfand einen mechanischen Flötenspieler und ein Baron von Kempelen einen mechanischen Schachspieler, den Mälzel, der Erfinder des Metronoms, an allen Höfen Europas, schließlich sogar in Rußland und Amerika vorführte. Der findige Edgar Allan Poe reiste diesem Schachspieler nach und kam, kraft seines logisch-kriminalistischen Verstands, bald hinter das Geheimnis des Mechanismus und enthüllte es als Publikumsbetrug. Aber zugleich begriff er, der seinem Publikum in seinem Magazin dauernd von den neuesten technischen Erfindungen berichtete, die Konsequenzen dieses Technizismus und seines pervertierten Vollkommenheitsstrebens. In einer von Klaus Völker leider nicht aufgenommenen und auch nicht sehr bekannten Erzählung („Der Mann, der aufgerieben wurde“) berichtet der Erzähler vom seiner Begegnung mit einem außerordentlichen, in jeder Hinsicht vollkommenen Mann, einem General ABC, den er eines Morgens bei seiner Toilette überrascht: Er findet ihn als seltsames, quiekendes Fleischbündel vor. Die ganze Vollkommenheit seiner Glieder und seiner Stimme war eine künstliche; der General war während eines Krieges all seiner Gliedmaßen beraubt worden und bestand nur noch aus Prothesen.

Eine andere Art Grauen überfiel E. T. A. Hoffmann, der sich in dem Kapitel „Die Automate“ aus den „Serapionsbrüdern“ mit einem „redenden Türken“ auseinandersetzte und in diesem Automaten den „erklärten Krieg gegen das geistige Prinzip“ sah, „wahre Standbilder des lebendigen Todes“, weil sie „im Mechanischen nur das Mechanische“ bezweckten. Und in seiner berühmten Erzählung „Der Sandmann“, die Sigmund Freud als Beispiel für das Unheimliche analysierte, stellte Hoff mann dar, wie der Student Nathanael durch einen Automaten, die Puppe Olympia, in den Wahnsinn getrieben wird. Die „Überschreitung der Natur“ im Automaten überbietet das menschliche Fassungsvermögen und liefert ihn dem Wahn aus.

Untersuchungen über die Affinität der technischen Gesellschaft zum Massenwahn und über die „Selbstentfremdung“, die beim einzelnen wiederum Schizophrenie auslöst, sind heute an der Tagesordnung, so daß sich zu E. T. A. Hoffmanns Diagnose ganz neue Interpretationsmöglichkeiten ergeben.