Sir Alec Douglas-Home rieb auch noch Salz in die Wunden seiner spanischen Gastgeber. Es sei doch seltsam, bemerkte der britische Außenminister vergangene Woche in Madrid, daß es immer noch Leute gäbe, die lieber in einer Kolonie Großbritanniens als in Spanien leben möchten. Die Pointe war nicht zu überhören: Von den 24 000 Einwohnern Gibraltars hatten 1967 über 12 000 für ein Verbleiben bei England gestimmt; nur 44 votierten für den Anschluß an Spanien.

Abgesehen von dieser Anmerkung vermied der Londoner Gast aber alles, was seinen spanischen Amtskollegen Lopez Bravo verärgern konnte. Die Gespräche verliefen sachlich, wenn auch ergebnislos. Beide Seiten kamen einander nicht näher: Madrid hielt an der seit zweieinhalb Jahren bestehenden Blockade des Felsens fest; London zeigte keine Bereitschaft, Gibraltar zu verlassen.

Für Lopez Bravo war das höfliche, aber diplomatisch verbrämte britische Nein ein halber Erfolg und doch auch ein Rückschlag seiner Außenpolitik, dessen größtes Handikap die innerspanischen Verhältnisse sind. Anders als sein Vorgänger Castiella, der die Gibraltar-Frage immer wieder hochgespielt, die britisch-spanischen Beziehungen damit empfindlich belastet hatte und nicht zuletzt deshalb 1969 zurücktreten mußte, war Lopez Bravo bereit, außer verbalen Ansprüchen das Problem Gibraltar vorerst ruhen zu lassen. Die innere Opposition bezichtigte ihn deshalb freilich immer energischer des Verrats und des mangelnden Patriotismus – ein Vorwurf, dem der eher nüchtern-pragmatische Minister schließlich nicht mehr ausweichen konnte. Mit den Gesprächen absolvierte er widerwillig eine Pflichtübung, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte, da er sich Konzessionen nicht erlauben durfte.

Schon einmal hatte innerpolitische Erregung direkt auf die Außenpolitik eingewirkt. Das einhellig empörte Echo der westlichen Presse auf den Basken-Prozeß in Burgos und die innerspanische Gegenaktion veranlaßten Madrid, den französischen Außenminister Schumann auszuladen. Auch nach dem endlich doch stattgefundenen Besuch im November 1971 konnte der agile und reiselustige Lopez Bravo auf seiner Prioritätsliste – Überwindung der Isolation, Mitsprache in der Weltpolitik, Anschluß an Europa – bestenfalls Punkt eins als erledigt abhaken.

In Lateinamerika war Madrid nur in der Lage, den ohnehin lebendigen Gedanken der Hispanidad, des eigenen Weges hin zur Unabhängigkeit von den USA, noch einmal zu bekräftigen. Größere Einflußnahme durch Kredite und Entwicklungshilfe scheiterte an den beschränkten spanischen Mitteln – und an der notwendigen Rücksichtnahme auf Washington, das mit Madrid einen Stützpunktvertrag geschlossen hat und dessen außenpolitische Interessen unterstützt.

Die Mittlerposition zwischen Kuba und dem Kontinent verlor durch die Südamerikareise Fidel Castros und die spanisch-kubanischen Handelsdifferenzen des Vorjahres an Bedeutung. Schließlich zeigten die großen Mächte auch keine Neigung, das spanische Vermittlungsangebot im Nahin Osten zu akzeptieren. Libyens ungestümer Staatschef Ghaddafi zerstörte vielmehr mit der Drohung, die spanische Sahara gewaltsam zu erobern, den prekären spanisch-arabischen Balancezustand in Nordafrika, Damit wurden auch Madrids verschwommene Pläne eines Mittelmeerpaktes aller Anliegerstaaten hinfällig, und der plump drohende Hinweis der spanischen Rechten, nach Malta und Zypern sei die Bedeutung Gibraltars gestiegen, konnte London erst recht nicht zum Entgegenkommen bewegen.

Bei seinen zaghaften Ostkontakten mußte Lopez Bravo einsehen, daß der Weg zu den Volksrepubliken nur über Moskau führt. Einem Nato-Beitritt, der Washington wohl gelegen käme, widerstrebt er nicht nur wegen der damit verbundenen militärischen Ausgaben – er kennt auch die ablehnende Haltung einiger europäischer Staaten zu gut.