Nimmt in der Bundesrepublik die Gewalt überhand?

Von Hans Schueler

Zuweilen meint man, daß die Wirklichkeit nicht mehr in unser Weltbild paßt, daß wir sie jedenfalls mit den Kategorien der Vernunft nicht mehr erklären können. Da gewinnen sogar Einzelereignisse symptomatischen Charakter. Sie werden zu Anzeichen eines kollektiven Wahnsinns, der die Normalität zu verdrängen droht: Eine Hausfrau aus Rom zwingt den Piloten der planmäßigen Alitalia-Maschine nach Mailand mit vorgehaltener Pistole, in München zu landen. Sie will kein Geld, keine Passage, keine Politik. Sie will durch einen kriminellen Piratenakt lediglich darauf aufmerksam machen, daß ihre Schwester seit Jahren und, wie sie meint, zu Unrecht in einer Klinik für Geisteskranke festgehalten wird. Vielleicht stimmt das sogar. Nun wird die Flugzeugentführerin selbst psychiatrisch untersucht.

Muß auch der Mann psychiatrisch untersucht werden, der am vergangenen Wochenende eine Synagoge überfiel und von den Gemeindebediensteten 30 000 Mark zu erpressen versuchte, gerade so, als befände er sich im Schalterraum einer Bank? Wenn ja, dann wäre die medizinische Indikation doch wohl gleichermaßen für Andreas Baader und Ulrike Meinhof gegeben, falls sie je lebend gefangen werden. Denn der Anspruch auf Illegalität, auf den sie ihre Bankeinbrüche gründen und der den Mord als Mittel der Selbsthilfe gegen die Staatsgewalt einschließt, unterscheidet sich nicht prinzipiell von dem der römischen Hausfrau und des Münchner Synagogenräubers. Sie gleichen einander in der grotesken Unverhältnismäßigkeit der Mittel, in der totalen Weltverfremdung, die das Vorstellungsbild der Täter beherrscht und die sie zwingt, der wirklichen Welt Gewalt anzutun.

Wir kennen seit jeher die Kriminalität aus vergleichsweise rationalen, zumindest einfühlbaren Antrieben wie wirtschaftlicher Not, Gewinnsucht oder notorischer Arbeitsunlust. Bankeinbrecher, Autodiebe und Scheckbetrüger gehören zur industriellen Gesellschaft wie so manche andere Übel.

Wir kennen viele Stufen krankhafter Motivation, bis hin zum Triebverbrechen und finden uns notgedrungen damit ab. Auch eine Flugzeugentführung, mittels deren palästinensische Partisanen ihre Kriegskasse zu füllen beabsichtigen, hat einsehbare, wiewohl verurteilenswürdige Gründe. Sogar der politische Mord, kalt geplant oder in fanatischer Wut begangen, erschließt sich meist nachträglicher Erklärung.

In unseren Tagen aber scheint sich eine neue Dimension des Illegalen aufzutun, die in keine der herkömmlichen Kategorien paßt, wenngleich sie ebenfalls irgendwo im Grenzbereich zwischen Vernunft und Wahn angesiedelt ist. Ihr auffälligstes Kennzeichen ist eine Art von nonchalanter Verachtung der Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ihre Antriebe können im weitesten Sinne politischer Natur sein, sie müssen es jedoch nicht.