Von Werner Adam

Islamabad, im März

Pakistans Poeten und Komponisten sind am vergangenen Wochenende von der Regierung zu einem Wettstreit aufgerufen worden. Sie sollen einen „revolutionären Gemeinschaftsgesang“ kreieren, um zu bewirken, was bislang weder Politikern noch Generälen gelungen ist: das Volk patriotisch zu stimmen und seinen Marsch auf dem Weg des Fortschritts zu beschleunigen.

Diese Order von höchster Stelle ist ein bloßer Propagandaauftrag, aber er belegt, daß Pakistan drei Monate nach dem unwiderruflichen Verlust seiner östlichen Landeshälfte von einer nationalen und wirtschaftlichen Konsolidierung noch weit entfernt ist. Zwar haben sich die Pakistani mit der Halbierung des Staates und der Geburt von Bangla Desh inzwischen abgefunden, aber dafür entwickeln sie jetzt andere ambitiöse Wünsche: Der Reststaat soll über Nacht zu einem Wohlfahrtsparadies werden.

Präsident Zulfikar Ali Bhutto, der mit solcher Verheißung im Dezember 1970 die Wahl gewonnen hatte, sieht sich durch die Forderungen, die er provozierte, vor schier unlösbare Probleme gestellt. Dem seit Wochen vom Streikfieber geschüttelten Industrieproletariat wußte er nichts anderes zu verschreiben als die volkswirtschaftliche Binsenwahrheit, ehe es höhere Löhne gebe, müsse zunächst einmal mehr produziert werden. Auf anderen Gebieten indessen ist er aktiv geworden. Er ist dabei, dem „Bonapartismus“ in der Armee den Garaus zu machen, die Bürokratie von der Korruption zu säubern und den Feudalismus auf dem flachen Land auszumerzen.

Die Pakistani waren gerade im Begriff, den Beginn einer „neuen Epoche“ an einem von Bhutto angeordneten öffentlichen Feiertag vorzubereiten, als der Präsident bereits mit neuen Ideen vor die Fernsehkameras trat. Diesmal freilich stiftete sein Auftritt Verwirrung. Die Oberbefehlshaber von Heer und Luftwaffe, so verkündete er mit dramatischen Gesten, hätten ihre Entlassungsurkunden erhalten. An die Stelle des Armeechefs Gul Hasan Khan sei General Tikka Khan getreten, der sich im letzten Jahr bei der gewaltsamen Niederschlagung des sezessionistischen Aufstands in Ostbengalen traurigen Ruhm erworben hatte. Bhutto, der mit Hilfe des Kriegsrechts regiert, begründete seinen Schritt damit, er wolle die Streitkräfte entpolitisieren und verbat sich jede Diskussion über seine Entscheidung.

Dennoch war bald bekannt, daß Gul Hasan und der entlassene Luftmarschall Rahim Khan, die nach dem verlorenen Krieg für die Absetzung Yahya Khans und die Berufung Bhuttos zum Präsidenten eingetreten waren, als „Königmacher“ ein politisches Mitspracherecht verlangt hatten. Das aber wollte ihnen der „König“ nicht länger zubilligen, daher berief er Tikka Khan, der als loyaler Befehlsempfänger gilt.