ARD, Dienstag, 21. März: "Die Edegger-Familie", von Wolfgang Bauer

Es fängt alles so harmlos an: Der liebe Pappi ist Wiener Verkehrspolizist und regelt den Verkehr, die Mama schaltet und waltet in der Küche, denn der Schwager kommt aus Nizza zum Essen; die Lienzer Oma freut sich an dem Enkel, der so schön vom guten Mond auf dem Klavier klimpern kann: die "Edegger-Familie" beginnt wie Fernsehfamilien nun einmal im Fernsehen beginnen, ein bißchen Postkartenkitsch von der Riviera, Vetter und Base, sonst durch Grenzen getrennt, die jetzt in der herrlichen Wiener Natur (leider ein wenig umwelt- und müllverschmutzt) eine zarte knospende Liebe beginnen wollen und dabei von Lelouche seufzen.

Dann beginnen die kleinen Verstörungen dieser blödsinnig heilen üblichen Fernsehwelt: der Onkel geht ein bisserl ins Bordell, warum auch nicht; das Enkerl zerschlägt ein Weinglas, und der französische Vetter fällt, statt über seine Base her, in einen Hustenkrampf. Wolfgang Bauer dreht an der Schraube, die der üblichen Familienserie locker sitzt, Drehung um Drehung, der unholde Schwachsinn von "Mutti kocht am besten" und "Pappi ißt am besten" wird mehr und mehr deutlich. Schon hat Oma (die hinreißende Lotte Lang) den Edgar Wallace in der Hand, schon verlangt es den französischen Onkel nach Peitschungen à la de Sade: mittags kurz vor halb eins, und die Welt ist nicht mehr in Ordnung.

Bauer, wohl der einzige wirkliche Pop-Artist in deutscher Sprache, geht den Blödsinn, den wir erwarten, mit einem Schwachsinn an, der immer unerwarteter wird. Aber – ob er will oder nicht – der Logik der Familienserie ist nicht zu entkommen, sie schluckt noch die unverbundensten Bilder auf, nimmt sie hinein in eine tödliche Familienumarmung. Dabei sind nicht die surreal brutalen Szenen das brutalste, wirklich groß und furchterregend wurde Bauers Fernsehspiel dann, wenn es der familiären Herzlichkeit ihr Recht einräumte. Wenn die sonst so geographisch weit Getrennten beim Wiener Schnitzel zusammensaßen, der eine langsam die peitschengeschmerzte Brust freilegte und der andere sich dumpf dem Trunk ergab, dann war jene Brüderlichkeit hergestellt, die sich zwischen zwei Tortenbissen bestenfalls dazu aufrafft zu sagen, daß es sehr nett gewesen sei, daß man leider jetzt gehen müsse, an die frische Luft, weil das Essen so schwer gewesen sei.

Indem Bauer und sein ausgezeichneter Stuttgarter, Kameramann Jim Lewis (der beispielsweise die Paddelbootfährt eines Sexualmörders in ein. giftiges Idyll tauchte) die Herzlichkeit eines Familientreffens von lauter guten, prächtigen, lieben Menschen mit scheinbarem Nonsens verstörten, fügten sie dem sonst so üblichen Fernsehidyll von der konsumierenden Keimzelle des Staates zum Essen die Rülpser zu und dem positiven Parlando die verdrängten Alp- und Wunschträume. Denn Bauer, dazu ist er zu gescheit, zielt nicht auf irgendeine Wahrheit, sondern er weiß, daß die Wirklichkeit von Film und Fernsehen längst verheizt ist, so daß man da nur noch Kohlen nachschieben kann, damit im Abbild vom Abbild sie sich wieder ein wenig zurechtrückt.

Wenn da herbeizitierte Gefühlsarien unvermittelt einer kaltschnäuzig sich annoncierenden praktischen, achselzuckenden Vernunft wichen, wenn das ewig sich nach Musik sehnende Wiener Gemüt den polizeilichen Arm mitten im Verkehrsgewühl hebt, als spielt Ewald Balser den Beethoven und Karajan in einem, dann wußte man, daß der Wiener Kitsch das Banner von ästhetischem law and order so hoch hält, daß Bauer da nur ein wenig weiterdrehen mußte, um das Ganze zum erheiternd-erschreckenden Gruselkabinett auszuweiten.

Nach Dramaturgie braucht niemand zu rufen, denn die "Edegger-Familie" macht es da den sonstigen Idyllen brav und treuherzig nach: ein wenig Musik, und die Szene wechselt ganz zwanglos nach Nizza oder sonstwo hin.

Aber man weiß, so mörderisch lustig das alles war – es wird nichts helfen. Wenn die Firmen vor der Tagesschau ihre Hundekuchen und Weinbrandbohnen feilbieten, wird auch der Familienfrieden wieder hergestellt sein. Die Satire aber kommt des Nachts, wenn alle braven Konsumenten schlafen. Vielleicht träumen sie da wenigstens einmal den Alptraum von Mutti Inge Meisel, die sich hoffentlich die Edegger-Familie angesehen hat. Zur Abschreckung. Hellmuth Karasek