Meine Hemmungen waren unnötig. Sie antwortete mit der größten Selbstverständlichkeit: "Natürlich. Ich bin eine Hexe", so wie man etwa sagt: Ich bin Empfangsdame bei einem Zahnarzt.

Damit war die entscheidende Hürde genommen. Es verwirrte mich nicht mehr, daß einige Minuten später ein struppiger Rabe in die Stube hüpfte, vorbei an dem dreizackigen Drudenfuß an der Tür, vorbei an dem rußgeschwärzten Eisenkessel, in dem Kräutertee dampfte, und über die Folianten auf der wurmstichigen Truhe, um schließlich auf der Schulter der berühmtesten Hexe Englands Platz zu nehmen. Ihr Ruhm wird selbst von den Postbehörden anerkannt, die ihr, wie sie mir zeigte, Briefe mit der lakonischen Adresse "Die Hexe, New Forest" oder sogar auch "An die Hexe in England" zustellen.

Sie bot mir eine Zigarette an, und ich wunderte mich darüber, daß sie so gar nicht den Vorstellungen entsprach, die ich mir von ihresgleichen gemacht hatte. Shakespeare, Goethe und die Brüder Grimm hatten mich offenbar irregeführt. Sie war eine intelligente und weitgereiste Frau, ihr Gesicht wirkte mütterlich mit einem orientalisch-abenteuerlichen Beigeschmack, der vielleicht auf ihre schweren Ohrgehänge zurückzuführen war.

"Warum bezeichnen Sie sich als Hexe?" fragte ich.

"Ich bin eine Hexe", antwortete sie mit einem Anflug von Ungeduld. "In meiner Familie gibt es seit Generationen Hexen. Meine Großmutter hat mich eingeweiht. Witchcraft ist meine Religion. Wenn wir unter uns sind, sprechen wir von dem Hexenglauben als der ‚alten Religion‘. Sie ist älter als das Christentum und gewinnt immer mehr Anhänger."

Sybil Leek gehört natürlich einem coven an. Diese Hexenzirkel bestehen, wie sie mir erklärte, traditionsgemäß aus dreizehn Personen beiderlei Geschlechts. Ihrer Schätzung nach existieren in England zumindest sechshundert derartiger covens, woraus man auch ohne Hexeneinmaleins errechnen kann, daß es auf den Britischen Inseln etwa achttausend praktizierende Hexen geben dürfte. Sie gehören, wie ich erfuhr, allen Gesellschaftsschichten an und genießen die Privilegien, mit denen die englische Toleranz die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet, vorausgesetzt, daß sich ihre Kultformen auf die Riten der Weißen Magie beschränken. Hingegen greifen die Behörden unbarmherzig ein, wenn es sich um Schwarze Magie handelt, um Kulthandlungen des Satanismus mit sexuellen Orgien, Tieropfern und Grabschändungen.

Nackt am Sabbat