Von James Krüss

Jugoslawien, Bauch des Balkans, Vielvölkerstaat, mediterran und tiefkontinental, historisch Schnittpunkt von Abend- und Morgenland, Schule der Lebenskunst für den Besucher aus Mitteleuropa, ist ein junger Staat. Erst 1918 wurde er am Konferenztisch zusammengebündelt aus verschiedenen Völkerschaften, und erst durch die gemeinsame Geschichte des Partisanenkampfes gegen Hitler wuchs er enger zusammen. Gleichwohl ist Jugoslawiens Einheit immer noch gefährdet, unlängst durch die kroatischen Forderungen nach größerer Selbständigkeit und größerer Unabhängigkeit von Belgrad.

Tatsächlich hat heute noch ein Finanzdirektor in Maribor an der Drau auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeit mit einem österreichischen Hofrat als mit einem Altäre schnitzenden Mazedonen in Ohrid, der seinerseits mit einem nordgriechischen Ziegenhirten mehr Ähnlichkeit hat als mit dem Herrn in Maribor. Und den Bootsbauer auf der Insel Korčula, der daheim italienisch spricht, verbindet mit dem Sodafabrikanten im Banat, der mit den Schwiegereltern rumänisch spricht, zunächst nichts weiter als die Kenntnis der serbokroatischen Sprache. Dem quicken kleinen Kaufmann Hazmi Fazli in Montenegro gar, der ausgezeichnet türkisch spricht, liegt Konstantinopel näher als meinem Lektor in der Woiwodina, für den Wien der Mittelpunkt der Welt ist und der nuancenreiches Deutsch zu sprechen vermag.

Aber die Vielfalt – auch der Sprachen – macht den Jugoslawen im allgemeinen Spaß. Wie sollte sie nicht erst dem Reisenden Spaß machen, der von den Eichenwäldern an der ungarischen Grenze bis zum großen Ohrider See an der griechischen Grenze und von der mit weißen Städten besetzten adriatischen Küste bis zu den Vorbergen der Karpaten in der Batschka alle Landschaftsformen erleben und überdies in schlanken Campaniles, breithüftigen orthodoxen Kirchen und bunten Moscheen Zeugnisse des Abend- wie des Morgenlandes erleben kann.

Zur Einstimmung in dieses Land beginne man in Ljubljana oder Zagreb. Ljubljana, Hauptstadt der Slowenen, die niemals in der Geschichte selbständig waren, ist Tor des Balkans nach Westeuropa und Europas Tor zum Balkan. Und Ljubljana ist – von der zementenen Bahnhofsgegend abgesehen – schön. Es hat seine Burg auf dem Berge, die aus üppigen Laubmassen aufsteigt, es hat sein Renommierhochhaus, auf dessen Dachterrasse man den türkischen Kaffee schlürft, und einen alten, meist barocken Teil mit Brunnen, Denkmälern, Kirchen und schönen Hausfassaden, die ich gelegentlich eines Besuches von Kaiser Halle Selassie sogar geputzt und wunderschön gestrichen gesehen habe.

Zagreb, die alte Hauptstadt der Kroaten, scheint mir jene jugoslawische Stadt zu sein, in der sich der balkanische Gleichmut am besten mit der mitteleuropäischen Regsamkeit mischt. Auf der Terrasse der städtischen Kavarna zu sitzen und den Platz der Republik zu betrachten, ist für den Besucher die beste Einstimmung für Balkanreisen. Er fängt unbewußt an, Gedanken und Bewegungen zu verlangsamen und Konventionen in Takt, Disziplin in wohlwollende Gefaßtheit zu verwandeln. Als ich einmal einen Rückfall in deutsche Gewohnheiten erlebte und mit allen Freunden und Bekannten genaue Termine vereinbarte, traf ich zur festgelegten Zeit fast niemand an, traf aber abends alle auf dem Corso. Pünktlichkeit bedeutet hier: Nach Lage der Dinge zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Was von der Küste sagen, die Kreschimir II., der Große, den Kroaten eroberte? Sie ist eine andere Welt als das kroatische Land mit Wollstrümpfen, Schweinen, Eichenwäldern oder Korn und Mais, eine Welt der Inseln und Buchten, der Segelbarken und Dampfer, der weißen Orte in der Sonne und des wasserarmen Hinterlandes im Karst. Vom Inneren des Balkans durch hohe Gebirgszüge abgetrennt, öffnet sich diese Küste allenthalben nur dem Meer. Und man lebt – dies das Verwunderlichste für den Mann vom Norden – am bewohnten Saum dieser Küste fast in Meereshöhe. Von vielen Terrassen, auf denen ich saß, war das Meer nur eine Kleinigkeit in Höhe und Breite entfernt: Einige Schritte vorwärts, ein paar Handbreit abwärts. Man lebt auf Duzfuß mit ihm. Ohne Furcht und Tadel.