Von Rolf Kunkel

Undenkbar, daß ein Franz Beckenbauer die Zusammenstellung der Nationalmannschaft öffentlich kritisiert und als Konsequenz auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft verzichtet. Er würde sich um Karriere und Verdienst reden. Genau das aber taten der Dankerser Munck und der Gummersbacher Schmidt, als sie cor am publico gegen die Aufstellung des Hallenhandball-Olympiakaders protestierten, auf eine weitere Mitwirkung an den Vorbereitungsspielen verzichteten und damit auch ihre Teilnahme am olympischen Turnier aufs Spiel setzten. Das heißt: Fünf Monate vor Beginn der Olympischen Spiele verlassen der Kapitän und sein Stellvertreter die Nationalmannschaft. In keinem anderen Verband ist ein ähnlich spektakulärer Vorgang vorstellbar.

Gerade bei sicherlich eigenwilligen und ehrgeizigen Amateuren wie den Handballern, die nicht primär des Geldes wegen spielen, ist eine qualifizierte Verbandsführung vonnöten. Immerhin nehmen die Spieler, wenn sie sportliche Ziele wie Olympische Spiele anvisieren, erhebliche Opfer in beruflicher, privater und familiärer Hinsicht auf sich. Um so bitterer muß die Enttäuschung und um so erbitterter die Konfrontation seit, wenn sich herausstellt, daß die Verbandsseite keine optimale Arbeit leistet und die gemeinsamen Anstrengungen dadurch gefährdet werden.

Bernd Munck und Hans-Günther Schmidt argumentieren, der Deutsche Handballbund (DHE) habe bei der Aufstellung des 16köpfigen Olympiakaders, dem beide auf dem Papier noch angehören, das Leistungsprinzip außer acht gelassen. Das ist der schlimmste Vorwurf, den ein Verband, der sich auf Olympische Spiele vorbereite:, treffen kann, weil Leistung dort der einzige Maßstab ist. Der inzwischen abgelöste Spielführer und sein Stellvertreter nannten unter anderem zwei Beispiele: den Gummersbacher Jochen Brand, der nicht nominiert wurde, und Herbert Lübking vom TuS Nettelstedt, der trotz nicht vollauf überzeugender Leistungen im Aufgebot belassen wurde. Beide Spieler sind ein Kapitel für sich.

Im Falle Jochen Brand sind nahezu alle Fachleute der Meinung, er gehöre ins Aufgebot. Eine Mannschaft, die sich Chancen beim olympischen Turnier ausrechnet, kann auf einen solchen Routinier nicht verzichten, der zwar wegen seiner Härte nicht gerade der Liebling der internationalen Schiedsrichtergilde ist, der aber als starker Deckungsspieler und steter Anspielpunkt noch immer unersetzlich ist. Das gilt besonders für Begegnungen gegen die robusten Ostblockmannschaften, wie zuletzt das Vierländerturnier in der Tschechoslowakei zeigte, wo selbst Bundestrainer Vick angesichts der harten Spielweise die Devise ausgab: „Ob wir wollen oder nicht, wir müssen körperbetonter spielen.“ Trotz allem: Jochen Brand steht nicht im Olympia-Aufgebot. Anders ausgedrückt: Bei der Auswahl der Spieler kann kein objektiver Maßstab angelegt worden sein.

Das wird Schmidt besonders stark empfunden haben, weil mit Brand ein Vereinskamerad betroffen war, womit andererseits der Verdacht naheliegt, daß Vereinsinteressen beim Schmidt-Protest eine Rolle gespielt haben können, was aber wahrscheinlich nicht ausschlaggebend war. Viel eher trifft die Vermutung zu, daß der mit enormer Wurf kraft ausgestattete 1,95 Meter lange Schmidt, der groß und stark, aber ebenso sensibel ist, aus Verärgerung wegen der Nichtberücksichtigung Brands eine Art Kurzschlußhandlung beging, die ihm freilich schon lange auf den Nägeln brannte und die er inzwischen sicher nicht bereut hat, zumal er auch von der Nützlichkeit eines Zusammenspiels mit Lübking herzlich wenig hält.

Auch sein Verhältnis zum Bundestrainer ist denkbar schlecht, eine Antipathie, die in den Jahren kontinuierlich gewachsen ist und sich irgendwann einmal ventilieren mußte; wie überhaupt die tiefere Ursache des ganzen Skandals in der Unzufriedenheit auf allen Seiten liegt, die latent vorhanden war und jetzt unter dem Leistungsdruck, der von den Olympischen Spielen ausgeht, zum Ausbruch kam. Schmidt, und dieser gewiß nicht allein, kann Werner Vick als Führungsperson nicht akzeptieren. Das ergibt sich aus der Verschiedenheit der Temperamente und aus den konkreten Vorstellungen, die der 29jährige Gummersbacher von der Arbeit eines mit allen Vollmachten ausgestatteten Bundestrainers hat. Dieser hingegen liefert seinen Kritikern immer neue Beispiele für Wankelmütigkeit und Unentschlossenheit.

So erklärte er nach der Intervention der beiden Nationalspieler, daß er im Falle Brand mit sich reden lassen werde und daß Mund; eigentlich gar nicht mehr in den Kader gehöre und nur darin belassen wurde, weil er eben der Kapitän

In die Seele sehen

Der Umgang mit ausgeprägten Individualisten, wie es Spitzensportler zum Glück nun einmal sind, fordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Es genügt nicht, den Spielern technische und taktische Feinheiten beizubringen. Ein Trainer muß, und das ist eine seiner wichtigsten Aufgaben, seine Schützlinge auch menschlich zu nehmen wissen, oder wie Gummersbachs jugoslawischer Trainer Vucinic einmal zum Thema Schmidt sagte: „Man muß ihm in die Seele sehen können, dann versteht man ihn auch.“ Sicher gibt es unkompliziertere und anpassungsfähigere Spieler, die leichter zu lenken sind, aber Hans-Günther Schmidt ist nun einmal einer der besten deutschen Handballspieler, und noch ist jede deutsche Nationalmannschaft ohne ihn nicht optimal besetzt.

Fußballvereine beschäftigen heutzutage zur Überwindung dieser Probleme Psychologen. Wie will ein Verband mit einem Bundestrainer erfolgreich arbeiten, dem die Einhaltung einfachster zwischenmenschlicher Regelungen Schwierigkeiten bereitet, für den es eine gemeinsame Olympiamannschaft mit Schmidt, Munde und Vick nicht mehr geben kann: „Ich bleibe hart, und wenn ich daran kaputtgehe ...“ Merkt Werner Vick gar nicht, daß er sich mit solchen Äußerungen selbst disqualifiziert? Abgesehen davon, daß er in seiner Position niemals „niemals“ sagen sollte, lassen Bemerkungen dieser Art erkennen, daß die jahrelangen Positionskämpfe vor und hinter den Kulissen ihre Spuren hinterließen.

Offensichtlich kann Vick zwischen persönlicher Kritik und Kritik an der Sache nicht mehr differenzieren. Er bezieht alles auf sich, fühlt sich permanent angegriffen, ist mißtrauisch und nicht flexibel genug, um sich auf veränderte Verhältnisse einzustellen. Verschleißerscheinungen bei einem Mann, der die Position eines Bundestrainers nun im siebzehnten Jahr bekleidet, dem selten Entlastung und Unterstützung von Seiten der DHB-Führung zuteil, sondern im Gegenteil immer die Verantwortung aufgebürdet wurde, eine Situation, die ihn auf die Dauer überforderte. Kritik an seinem Arbeitsstil als Bundestrainer bedeutet nicht, seine Kompetenz als Handballehrer in Frage zu stellen. Der 51jährige gebürtige Hamburger, ein wortkarger Hanseat, der seit 1964 als Dozent für Handball an der Sporthochschule in Köln lehrt, ist ein international anerkannter Theoretiker. Auch mit der Praxis ist Vick, der das Nationaltrikot zwischen 1941 und 1955 siebenunddreißigmal trug, bestens vertraut. Nach München wird er das Amt des Bundestrainers wohl abgeben (müssen), um sich verstärkt der Lehrtätigkeit zu widmen. Große personelle Veränderungen sind vor der Olympiade nicht zu erwarten, auch der DHB-Bundestäg Ende April in Berlin wird dramatische Entwicklungen zu umgehen versuchen.

Persönliche Feindschaften

Neben Werner Vick steht auch Herbert Lübking im Mittelpunkt der Kontroversen. Man erinnert sich: Der 120fache Rekordnationalspieler wechselte 1970 unter mysteriösen Begleitumständen vom Bundesligaverein Grün-Weiß Dankersen zum damaligen Kreisklassenklub Nettelstedt, was den Ausschluß aus der Nationalmannschaft wegen des Verdachts auf ein mutmaßlich sinkendes Leistungsniveau zur Folge hatte. Die anhaltend mäßigen Spiele der Nationalmannschaft machten nach einem gewaltigen Funktionärsgerangel, bei dem der Vorsitzende der Technischen Kommission, Herbert Kranz, auf der Strecke blieb, eine Rückkehr Lübkings in die Nationalmannschaft Anfang 1972 möglich. Er bestritt einige Testspiele mit wechselndem Erfolg, ohne indes – was nicht wenige gehofft, andere befürchtet hatten – zu versagen und wurde ins Olympiakader aufgenommen.

Das ist der Grund der Kritik für Bernd Munck, der schlicht erklärte, Lübking habe die geforderten Leistungen nicht gebracht, vor allem die Deckungsaufgaben nicht erfüllt. Das aber sei früher schon Lübkings Schwäche gewesen, wurde damals nur durch seine zahlreichen Tore überdeckt. Schon die Diktion dieses Vorwurfs läßt erkennen, daß persönliche Animositäten im Spiel sind. In der Tat war Munck einst von Hildesheim nach Dankersen gegangen, um dort mit Lübking zusammenzuspielen. Als dieser sich dann abrupt veränderte, blieben Enttäuschungen und Mißklänge nicht aus. Hinzu kamen Lübkings Differenzen mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, Grün-Weiß Dankersens einflußreichem Vorsitzenden Bentz, dem Chef der Melitta-Werke in Minden. Auch hier läßt sich mühelos eine Einflußnahme des Vereins bei der Attacke Muncks auf Lübking konstruieren.

Natürlich kann ein einzelner Spieler nicht über die Qualifikation eines anderen Spielers befinden. Das ist Sache des Bundestrainers und des dafür zuständigen Gremiums. Es wäre aber zweifellos im Interesse der Mannschaft gewesen, wenn ihr Kapitän bei der entscheidenden Sitzung Sitz und Stimme gehabt hätte. Von Mitbestimmung kann im DHB jedoch noch keine Rede sein, Munck durfte lediglich eine Namensliste abgeben, in die Debatte eingreifen konnte er nicht. Seine Bedenken wurden vom Tisch gewischt. Das Resultat waren Verärgerung, Resignation, Flucht in die Öffentlichkeit.

Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß sämtliche Skandälchen der letzten Jahre nicht ausreichten, um die Verantwortlichen wachzurütteln. Erst der Verzweiflungsakt zweier Senioren der Nationalmannschaft, die keinen Ausweg mehr wußten und in ihrer Ansicht von Vereinsseite zweifellos bestärkt wurden, führte zum Eklat. Noch sind es fünf Monate bis München. Ob der Knall, der viel früher hätte kommen müssen, noch zur rechten Zeit kam, wird man erst nach den Olympischen Spielen wissen.