Von Claus Behncke

Karl Heinz Tjaden hat vor zwei Jahren in seiner Antrittsvorlesung an der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg „konservativen Leuten“ empfohlen, die Soziologie „nicht länger für gefährlich zu halten“. Adressaten waren alle Richtungen bürgerlicher Soziologie, denen Tjaden das Fehlen einer theoretischen Grundlegung bescheinigte, die sie befähigen könnte, das Problem der Entfaltung, Verfestigung und Überwindung gesellschaftlicher Formationen zu begreifen und zu entwerfen. Tjaden hätte auf die Existenz einer marxistischen Soziologie in den osteuropäischen Ländern verweisen können. Aber mit seinem Konzept einer Soziologie, die über das Prinzip einer bloß bewahrenden Wissenschaft hinausweist und die es unternimmt, Gesellschaft grundsätzlich als einen Zusammenhang transformierender Praxis zu fassen, wäre er mit dieser sich marxistisch verstehenden Soziologie in Schwierigkeiten geraten, denn das Verhältnis zwischen Bewahren und Transformieren in ihr entspricht nicht ohne weiteres den Erwartungen, die an eine marxistische (sprich: revolutionäre) Wissenschaft geknüpft werden. Darüber geben – auf verschiedene Weise – einige neue Publikationen Aufschluß, vor allem viele Aufsätze aus der DDR.

Leider steht das Erscheinen der vom Luchterhand-Verlag angekündigten, von Peter Christian Ludz überaus breitangelegten Sammlung soziologischer Arbeiten aus der DDR immer noch in Frage, da der Dietz-Verlag, Berlin (wie es heißt, auf Veranlassung der Autoren) für drei Beiträge die Lizenz nicht gegeben hat. Anfang dieses Jahres hatte der Luchterhand-Verlag dem Lektor seiner Soziologischen Abteilung, Frank Benseler, gekündigt, weil er die Herstellung des Buches bis zum Umbruch hatte gedeihen lassen, ohne daß die Abdruckgenehmigung des Dietz-Verlages vorlag. (Inzwischen ist auf Druck von Autoren und Herausgebern hin diese Kündigung zurückgenommen worden.)

Selbst wenn man zugute hält, daß dem SED-Verlag ein Herausgeber Peter Christian Ludz, bekannt für seine freimütige Kritik an der Deutschen Demokratischen Republik, nicht besonders angenehm ist, hätte doch wohl jeder in der Bundesrepublik fest damit gerechnet, daß Politiker und Wissenschaftler in der DDR mehr daran interessiert sein mußten, in solcher Breite die Erfolge ihrer marxistischen Soziologie zu repräsentieren, als sich an der Person des Herausgebers zu stoßen.

Allerdings ist es schwer zu begreifen, warum der Luchterhand-Verlag nicht auf die betreffenden drei Beiträge verzichtet und endlich wenigstens die übrigen dreißig veröffentlicht. Ein solcher Verzicht erscheint um so gerechtfertigter, als von den 870 Seiten 535 Seiten Problemen der Programmatik, der theoretischen Soziologie, der Kritik der bürgerlichen Soziologie und der Methodologie und Methodik gewidmet sein sollten. (Für industrie- und betriebssoziologische Forschungsberichte blieben 185 Seiten, für Medizinsoziologie 30 Seiten und für Literatur- und Kunstsoziologie 76 Seiten.)

Wer in den letzten Jahren die Arbeiten der DDR-Soziologen verfolgt hat, dem drängt sich der Eindruck auf, daß dort das Bedürfnis nach marxistischer Absicherung und Legitimation stärker zu sein scheint als der Mut zu konkreten Forschungen oder doch wenigstens zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse (Am 1. November 1965 wurde eine „Anordnung über das Verfahren zur Genehmigung von soziologischen Untersuchungen“ erlassen). Die Publikationen lassen nicht erkennen, daß dieses Bedürfnis gegenwärtig zu befriedigen wäre. Eine marxistische Begründung der DDR-Soziologie wird vielmehr in dem Maße unmöglich sein, wie ihr Programm sich jeder Analyse und Kritik der Herrschaftsverhältnisse in der DDR enthalten und sich darauf beschränken muß, unter Führung und Förderung der SED bei der Perfektionierung des „entwickelten Systems der sozialistischen Gesellschaft“ mitzuhelfen. Nichts anderes wird, umgekehrt, der bürgerlichen Soziologie auf Schritt und Tritt vorgehalten: sie trage dazu bei, bürgerliche Herrschaftsverhältnisse und kapitalistische Produktions- und Klassenverhältnisse zu verschleiern, während die Soziologie der DDR den Fortschritt sozialistischer Produktionsbedingungen fördere.

Entsprechend sind die konkreten Aufgaben für die Soziologen: Vorrangig sind Studien über die Arbeitszufriedenheit, Untersuchungen des Betriebsklimas und dergleichen, deren Nutzen für Führungs- und Leitungstätigkeiten im „Neuen ökonomischen System“ unmittelbar einsichtig ist. Dabei geraten dann Arbeitszufriedenheit tendenziell zu Arbeits freude, Leistungsgesellschaft zu Leistungsgemeinschaft und Klassenkampf zu Klassenfrieden.