München

Der Dirnenkrieg zu München begann am Montagabend, Punkt 19.00 Uhr. Acht stimmige Polizeibeamte Sprechfunkgerät in der Linken, Pistole am Gürtel und Entschlossenheit in den Gesichtern – besetzten die Tore des Eros-Centers in der Zweigstraße, gleich hinter dem Bahnhof. „Das ist jetzt unser Eingang“ verkündete ihr Anführer. Und dann wurde den 65 im Hause wohnenden – Liebesdienerinnen schnell klar, daß in diesem Abend keine großen Geschäfte mehr zu machen seien. Zur selben Stunde delegierte Münchens Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber uniformierte Türwächter zu drei weiteren einschlägigen Etablissements in der Innenstadt. Die Aktion „saubere City“ war angelaufen.

Die Polizei hatte sich etwas besonderes ausgedacht: Sie erteilte schlicht Platzverbot. Die Freier dürfen die Liebesburgen nicht mehr betreten. Die Prostituierten sollen im Inneren „ausgetrocknet“ werden. So lange, bis sie aus den Lust-Silos ausziehen. Die vielgerühmte Weltstadt mit Herz bereitet sich mit dieser Aktion auf die Olympischen Spiele vor. Die angewandten Mittel freilich sind bereits in heftiges Kreuzfeuer der Kritik geraten. Das Ziel, die Prostituierten mittels Verordnungen aus der Innenstadt zu vertreiben, ist schon jetzt als böser Bumerang zu erkennen.

Beispiel: Der Eros-Bunker Leierkasten in der Bahnhofsgegend. Im September vergangenen Jahres zogen die ersten Mädchen als Mieterinnen in die kleinen Ein-Zimmer-Appartements ein. Kleines Wohnzimmer, Küche, Diele, Bad. Das ganze Für 2170 Mark Monatsmiete. Ein stolzer Preis Für die Bahnhofsgegend, gewiß. Aber: „Ich habe leicht 15 000 Mark im Monat gerissen“, erzählt Lydia, Mieterin im Leierkasten und seit drei Jahren als Prostituierte registriert.

Organisator dieses als „lustvoller Musterbetrieb“ geplanten Etablissements ist Willi Schütz, in der Branche, bei zahlreichen Verbrauchern und der Polizei bekannt als Deutschlands expansivster Bordell-Besitzer. Seine Eros-Center in Hamburg, Frankfurt, Wiesbaden, an der Ostseeküste und so weiter gelten bei den Mädchen als Goldgruben.

Der Ärger des Willi Schütz mit den Münchnern begann indes recht bald. Die Nachbarn, Hoteliers zumeist, rührten sich als erste. Interessiert zuerst, wie es schien. „Eine Hotelbesitzerin wollte uns ihr Haus vermieten“, erzählt Walter Staudinger, Manager des Leierkastens. „Aber als die Frau merkte, daß bei uns der Rubel rollt, verlangte sie Preise, die nicht mehr zu bezahlen waren.“ Von da an häuften sich die Proteste über das Haus, in dessen abgeschlossenem Kontakthof („Frauen und Jugendlichen ist der Zutritt verboten“) sich die Freier drängten, dessen Fenster zur Straße mit einem sichthindernden Spezialanstrich versehen sind. „Wir wußten“, erzählt Staudinger, „daß in München andere Moralgesetze herrschen als anderswo. Deshalb haben wir unser Haus zu einem Musterbetrieb gemacht.“

Kein Zuhälter hat je die Schwelle zum Kontakthof betreten dürfen. Folge: Von den 65 Mädchen haben gerade noch drei einen „Luden“. Die Polizei wußte das. Aber im Münchner Stadtrat wurden längst scheinheilige Kampfreden gehalten. München habe einen Ruf zu verlieren, das Ansehen der Stadt sei in allerhöchster Gefahr. Die Polizei assistierte bereitwillig: „Wo Dirnen sind, ist das Verbrechen nicht weit.“