Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Die Freundschaft Erich Honeckers mit Leonid Breschnjew muß entweder sehr eng oder nicht ganz frei von Komplikationen sein, oder man sie an der Dauer des Besuches, den der SED-Parteichef am Dienstag voriger Woche angetreten hatte, einen Tag vor Ablauf der Sonderregelung für Besuche in der DDR und Transitreisen nach West-Berlin. Erst eine Woche später, am vergangenen Montag, kehrte Honecker von seinem "inoffiziellen Freundschaftsbesuch" aus Moskau zurück. Am Tage zuvor hatte ihn Außenminister Winzer abgelöst, der offiziell zur Unterzeichnung der Konvention über das Verbot bakteriologischer Waffen in die sowjetische Hauptstadt geflogen war.

Als Honecker wieder in Ost-Berlin eintraf, hieß es in einem Kommuniqué, die "bevorstehende Ratifizierung" der Ostverträge werde zu einer vielseitigen Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Ostblocks und der Bundesrepublik beitragen. Die SED, in dialektischen Volten nicht unerfahren, wird es zwar nicht schwer haben, auch dies mit ihrer Theorie vom "objektiven Prozeß der Abgrenzung" in Übereinstimmung zu bringen. Aber im Augenblick muß sie die andere Karte ausspielen – die der gutnachbarlichen Beziehungen, der Normalisierung und der friedlichen Koexistenz.

Welche Trümpfe noch im Skat liegen, das wissen allein die Moskauer Gesprächspartner. Aus bloßer Freundschaft, zu Kaviar, Sekt und Betriebsbesichtigungen ist Honecker sicher nicht sechs Tage lang in Moskau gewesen, während sich zu Hause politische und wirtschaftliche Probleme und wohl auch ein erkleckliches Maß an Routinesachen auf seinem Schreibtisch stapeln. Was also hatte er mit Breschnjew zu bereden? Die Vermutung liegt nahe, die Genossen aus Moskau und Ost-Berlin hätten weitere Bonbons eingewickelt, mit denen der Bonner Opposition die Annahme der Ostverträge oder doch wenigstens ihre stillschweigende Duldung versüßt werden sollen.

Drei Bedingungen hatte Barzel ursprünglich genannt, die erfüllt sein müßten, ehe die CDU ihre Haltung zu den Verträgen modifizieren könne: die Anerkennung der EWG, die Fixierung des Selbstbestimmungsrechts der Deutschen und menschliche Erleichterungen in Deutschland. Inzwischen hat der Oberste Sowjet den Brief an Außenminister Scheel zur deutschen Einheit ausdrücklich zur Kenntnis genommen, und Breschnjew hat erklärt, die Sowjetunion sei weit davon entfernt, den Gemeinsamen Markt zu ignorieren. Bleiben also die menschlichen Erleichterungen, auf die die Oster-Regelungen einen kurzen Vorgeschmack gegeben haben. Doch diese Regelungen waren auf West-Berliner und Berlin-Reisende begrenzt.

Die Frage ist nun, ob auch für die DDR-Bürger etwas erreicht werden kann. In diesem’ Zusammenhang ist in letzter Zeit von der Abschaffung des Schießbefehls an Mauer und Zonengrenze und von der Herabsetzung der Altersgrenze für Westreisen um fünf oder gar 15 Jahre die Rede gewesen. Zur Zeit dürfen DDR-Bürger nur dann in die Bundesrepublik reisen, wenn sie das Rentenalter erreicht haben: 65 Jahre bei Männern, 60 Jahre bei Frauen.